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Mittwoch, 21. August 2019

Mikis Theodorakis - ein Komponist zwischen Folklore und Moderne

Sirtaki in Müchnen


Mikis Theodorakis - ein Name, der immer untrennbar mit der Filmmusik zu "Alexis Sorbas" verbunden sein wird. Doch ist das musikalische Oeuvre des Griechen wesentlich vielfältiger. Im klassik.com Online-Interview stand der Komponist unseren Lesern Rede und Antwort und berichtete nicht nur über sein musikalisches Schaffen, sondern auch über sein Verhältnis zur Filmindustrie und zum deutschen Publikum.

Wie war und ist ihr Verhältnis zur Filmindustrie?

Ich habe sehr gerne immer im Film gearbeitet weil heutzutage ist der Film ausdrucksmittel wie die Tragödie in der damaligen Zeit. Ich liebe das Kino.

Wie war Ihre Zusammenarbeit mit dem Regisseur Costa Gavras?

In der Verbannung hatte ich lediglich Kontakt per Brief. Erst nach meiner Befreiung habe ich den Film gesehen und danach haben wir in Paris zusammen 'Belagerungszustand' gedreht.

Was halten Sie von der heutigen Filmmusik?

ICh bin von der Entwicklung der Filmmusik fasziniert. Aber die technologische Entwicklung geht so schnell, dass das musikalische doch mehr und mehr in den Hintergrund tritt. Musik ist meiner Meinung nach ein Markenzeichen für einen Film. Aber wenn man eine alte Musik aus alten Hollywoodfilmen sieht, merkt man doch die ÜBerlegenheit der damaligen Kompositionen.

Wie arbeiten Sie bei der Komposition einer Filmpartitur?

Ich gehe vom fertigen Film aus. Wenn ich diesen sehe, habe ich eine Idee, was ich tun möchte. Wenn ich ein Bild oder eine Handlung sehe, habe ich sofort eine Idee der musikalischen Handlung im Kopf. Wenn ich dann den Film mehrmals gesehen habe, spreche ich mit dem Regisseur und wir werden uns gemeinsam einig. Meine innere Musik stimmt mit dem über ein, was ich auf der Leinwand sehe. Ich analysiere jede Szene Sekunde für Sekunde und halte dies in meiner Musik fest. Es hängt aber natürlich auch davon ab, ob man ein kleines oder grosses Orchester zur Verfügung hat. Für den FIlm Elektra beispielsweise habe ich für jede der Figuren eine eigene Gruppe von Musikern benutzt. Die Gruppen wurden dann miteinander in einer Art Synthese miteinander verbunden.

Vor kurzem ist in Deutschland eine Biographie des Dimitri Schostakowitschs? erschienen, in der das Verhältnis, der Konflikt des Künstler mit der Politik sehr gut beschrieben wird. Glauben Sie, dass Politiker und Künstler sich kompromisslos verstehen können und zusammenarbeiten können?

Man kann nicht verallgemeinern. Es gibt eine Politik der Macht und eine, die gegen die Macht ist. Als Künstler bin ich gegen jede totalitäre Macht. Die Politik, die ich verteidige ist eine für die Demokratie, die Freiheit, die Kultur.

Was halten Sie von der heutigen Vermarktung der klassischen Musik?

Nicht nur die klassische Musik wird kommerzialisiert, sondern auch viele andere Bereich der Kunst. Das Positive dabei ist, dass ein gutes Werk sehr weit verbreitet werden kann. Aber die Kommerzialisierung ist auch eine Vulgarisierung. Denn wenn der Kommerz bestimmend wird, besteht keine natürliche Beziehung mehr zu den grossen Schöpfungen. Wir stecken zur Zeit in einer der groessten Krisen für den Künstler, weil alles mit dem Mass des Geldes gemessen wird. In einem Jahrhundert, wo man wirklich der Kunst die groesstmoegliche Verbreitung geben könnte, erfolgt leider eine immer groessere Verdummung.

Warum haben Sie gerade München gewählt, um Ihren Geburtstag zu feiern? Was verbindet Sie zu dieser Stadt?

Nicht ich habe München gewählt, sondern München mich. ;-) Das deutsche Publikum ist für mich ein sehr dankbares Publikum.

Wie sehen Sie den Prozess der Wiedervereinigung Deutschlands?

ICh hatte immer eine gefühlsmässige Beziehung zu Deutschland. Die Trennung war eine Wunde, die nun geschlossen ist, wenn auch spät.

Wie kann man klassische Musik der Jugend attraktiv machen?

Ich selbst habe das Kodaly-System in der Ausbildung an den Schulen in Ungarn gesehen. Wir wollen die Fantasie der Jugend anregen aber es ist sehr schwierig, denn da wo die Musik beginnt, hört die Logik auf. Die klassische Sonatenhauptsatzform ist eine komplexe Konstruktion, aber nur wenige verstehen diesen Aufbau. Der Parthenon ist für mich 'eingefrorene' Musik und als ich ihn sah, habe ich sofort die Musik dahinter gesehen. Das Wesentliche für mich ist, Musik zu hören, sich über den Komponisten und dessen Zeit zu informieren, um die Kompositionen in ihrem Kontext sehen zu können.

Sie besitzen ein sehr umfassendes und zahlreiches Oeuvre. Was komponieren Sie am liebsten: Lieder, Chormusik, Instrumentalmusik, usw.?

Wenn ich in all diesen Gattungen komponiere, heisst das, dass ich auch all diese sehr mag... ;-)

Welchen Stellenwert hat die Musik von Gustav Mahler in ihrem Leben?

Mahler ist keiner meiner Lieblingskomponisten. Ich liebe das Klare, aber MAhler - zweifellos ein sehr grosser Komponist - geht häufig ins Abstrakte, in andere Dimensionen hinein. Für mich verkörpern Beethoven und Brahms die Tragödien in der Musik.

Gehen Sie wieder auf die Bühne, nachdem Sie letztes Jahr in Passau ihren Abschied erklärt haben? Stimmt der Konzertplan?

Man sollte nie nein sagen. Ich war gesundheitlich in einer sehr schlechten Verfassung und ich habe mein Klavier für 2 Jahre nicht angefasst. Aber plötzlich - vor 6 Monaten - ist das Leben zurückgekehrt und nun komponiere ich wieder. Ich ziehe das Komponieren dem Dirigieren vor, weil das Dirigieren eine sehr grosse Anstrengung ist.

Which of your works do you prefer?

Das ist eine sehr schwierige Frage... Ich habe nie aus beruflichen Gründen komponiert, sondern immer nur aus der Liebe, die ich für die Musik empfinde. Ich liebe alle meine Musik, am einen Tag eher dieses Werk am anderen eher dieses... Aber ganz besonders liebe ich meine Lieder.

Was war das Wichtigste, das Sie bei Messiean gelernt haben?

Messiean ist die Apotheose der französischen Denkweise in der Musik. Als Griechen stehen wir zwischen der Leidenschaft und der Logik. Am Pariser Konservatorium hat mir diese Logik ein Gleichgewicht verschafft aber trotzdem ist diese Denkweise mir fremd geblieben.

Viele Komponisten wurden von der Natur beeinflusst: Messiaen hat sich sein ganzes Leben konstant mit Vogelstimmen beschäftigt. Mahler hat viele Naturlaute in seine Sinfonien eingeflochten. Spielt die Natur in Ihrer Musik auch eine Rolle?

In meiner Musik gibt es keine Einflüsse von aussen. Ich habe einen ganzen Schatz von Musik in mir, der sicherlich beeinflusst wurde durch die Natur von aussen. Ich liebe das Meer. Mein Traum als Kind war immer, mit einem Boot hinauszufahren ins Ungewisse.

Wieso glauben Sie, kommen aus Griechenland nur wenige Interpreten klassischer Musik von Weltrang?

Für ein kleines Land haben wir doch schon eine beachtliche Anzahl. ;-) Und wenn man eine INterpretin wie Maria Callas hat, hat man mehr als die meisten anderen Länder. ;-) Man muss auch sagen, dass die westliche Musik dem Griechischen lange Zeit fremd war. Aber es gibt ganz sicher mehr griechische INterpreten klassischer Musik als es westliche Interpreten griechischer Musik gibt...

Sie sind für den Friedensnobelpreis nominiert. Was bedeutet Ihnen diese Ehrung?

Das war ein grosser Augenblick für mich, weil diese Nominierung von einem ganzen Volk kam. Und es ist für jeden Menschen eine Ehre, wenn das eigene Volk hinter einem steht. Hinter meiner Nominierung stand nicht nur das griechische Volk, sondern auch Vertreter der NAchbarländer.

Was haben Sie empfunden als Yehudi Menuhin - ebenfalls ein Mann, der sich nicht nur als Musiker, sondern auch als politischer Mensch gezeigt hat - gestorben ist?

Ich bewunderte Menuhin als einer der groessten INterpreten dieser ZEit. Eine solche Persönlichkeit hinterlaesst ein Loch. ICh kannt ihn zwar nicht persönlich aber ich bewunderte sehr, was er tat für die Gesellschaft.

Wer ist Ihr Lieblingsschriftsteller?

Wenn ich die gesamte Weltliteratur nehme: Ich liebe Dostrojewski!

Was ist Ihr größter Wunsch für die Zukunft?

Der Frieden.

Herr Theodorakis, wir danken Ihnen für dieses Gespräch und wünschen Ihnen - auch im Namen aller unserer Nutzer - einen schönen Geburtstag und ein stimmungsvolles Konzert morgen auf dem Königsplatz hier in München.

Die Freude war ganz auf meiner Seite. :-)

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