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Sonntag, 17. Februar 2019

Das Amadeus Guitar Duo kennt nicht nur Joaquin Rodrigo persönlich

Scherben bringen Glück


Dale Kavanagh und Thomas Kirchhoff sind bereits seit 1991 als "Amadeus Guitar Duo" auf den Bühnen dieser Welt zu Hause. Dabei führen sie nicht nur die großen Werke der klassischen Gitarrenliteratur auf, sondern auch eigens für sie komponierte Stücke - beispielsweise aus der Feder von Roland Dyens und Carlo Domeniconi. Im klassik.com Online-Interview standen die beiden Künstler unseren Lesern Rede und Antwort und berichteten über ihr Treffen mit Joaquin Rodrigo und die Kunst, sich bei einem Blackout auf der Bühne achtsam aus der Affäre zu ziehen.

Wie war Ihr Zusammentreffen mit Joaquin Rodrigo?

Unser Zusammentreffen mit Rodrigo war 1992. Es war ein sehr grossartiges Erlebnis. Wir haben in seinem Haus gespielt, ausschließlich Werke von ihm. Nach dem Konzert gab es noch einen kleinen Umtrunk. Dabei kann ich mich noch genau daran erinnern, wie ich einem Ober ein voll beladenes Tablett mit Cocktails aus der Hand stieß. Alles schrecklich peinlich. Aber Frau Rodrigo meinte in perfektem Deutsch dazu: "Scherben bringen Glück." :-)

Wie haben Sie die Programmauswahl für das kommmende Konzert in Bensberg getroffen?

Im Konzert in Bergisch Gladbach am 4. Februar spielen wir Werke aus einem Projekt, das wir "Spanische Nacht" genannt haben. Dabei führen wir Werke für eine, zwei und vier Gitarren und Orchester von Rodrigo und Roland Dyens anlässlich des einhundertsten Geburtstages von Rodrigo im November 2001 auf. Die "spanische Nacht" findet bis einschließlich September 2002 noch insgesamt 35 Mal in Deutschland statt (die Adresse lautet dazu http://www.spanishnight.de).

Wie viel Zeit hatten Sie für die Vorbereitung des kommenden Konzertes?

Für die kommenden Konzerte hatten wir zwischen 20 Jahren und ein paar Tagen Vorbereitungszeit. Je nachdem, was wir für Programme spielen...

Hören Sie sich Ihre eigenen Aufnahmen an?

Ab und zu. Vor allem immer dann, wenn wir neue Platten aufnehmen, hören wir alte Aufnahmen an, um die Aufnahmetechnik und den Klang zu vergleichen. Weniger aus genießerischen Gründen.

Wie sehen die nächsten Planungen für eine Aufnahme aus? Gibt es schon einen Aufnahme- bzw. Erscheinungstermin?

Die nächste CD von uns erscheint am 20. November mit Aufnahmen von Harald Genzmer und Carlo Domeniconi. Weitere Infos gibt es bei unserem Label Hänssler Klassik.

Gab es Situationen, in denen Sie Ihre Karriere gerne gegen einen Bürojob getauscht hätten?

Unisono: Niemals im Leben!

Wie schätzen Sie die Zukunft der klassischen Musik bei elektronischen Medien ein?

Die Zukunft der klassischen Musik wird zum großen Teil in elektronischen Medien stattfinden, was beispielsweise Verkäufe anbelangt, Konzerte werden aber weiterhin live stattfinden. Andererseits bietet das Internet neue Möglichkeiten, schwer zu erreichende Regionen und neue Zuhörer anzusprechen.

Mit wieviel Jahren haben Sie Ihren 1. Musikunterricht erhalten?

Mit acht (Thomas). Mit fünf (Dale).

Rückblickend auf Ihre eigene musikalische Ausbildung, was sollten junge Musiker auf jeden Fall von Ihren Lehrern beigebracht bekommen?

Präzision und Freiheit.

Von wem haben Sie am meisten gelernt?

Thomas: Über Musik zweifellos von meinen Lehrern im Gymnasium. Gitarristisch gesehen von meinem Lehrer David Russell in London.

Dale: Ghiglea Oscar in Basel.

Was ist das wichtigste, das Ihnen jemals beigebracht wurde?

Da gibt's zu viel...

Welche Charaktereigenschaften sind, neben den künstlerischen Fähigkeiten, von Vorteil, welche ein Hindernis um als Musiker erfolgreich zu sein?

Fleiß, Durchhaltevermögen, die Tiefen einer Karierre mit Geduld zu überstehen und die Höhen zu genießen, Anpassungsfähigkeit und natürlich vor allem die Liebe zur Musik.

Welches Erlebnis/welche Person hat Ihre Musikerkarriere besonders geprägt?

Ein Konzert von Andres Segovia (Thomas).

Bei mir war es ein Konzert von Oscar Ghiglia in meiner Heimatstadt Wolfville in Kanada.

Wenn Sie nicht Musiker geworden wären, was hätten Sie dann für einen Beruf gewählt?

Thomas: Schauspieler. Dale: Sportscoach, vielleicht Schwimmtrainer.

Wer hat Ihre Begabung bemerkt?

Dale: Keiner... ;-)

Thomas: Deshalb macht sie auch so gerne moderne Musik! :-) Bei mir: Meine Mutter.

Wo kann man Ihrer Meinung nach in Deutschland die beste Gitarrenausbildung genießen?

In Köln bei Hubert Keppel, in Weimar bei Thomas Müller-Pering, in Dortmund bei Dale, in Leipzig bei Carlo Marchione. Aber das sind natürlich sehr subjektive Meinungen. Die Auflistung ist auf jeden Fall ungerecht, da es eine Menge weiterer sehr guter Lehrer gibt.

Haben Sie ein Lieblings-Internet-Seite?

klassik.com ! ;-)

Haben Sie Internetzugang? Wenn ja, wofür nutzen sie die Möglichkeiten des Internets?

Natürlich. Wir haben seit 1993 eine WebSite: www.amadeusduo.de und www.kavanagh.de. Und waren damit wirklich (ohne Übertreibung) eine der ersten Musiker im Internet. Wir nutzen das Internet hauptsächlich für E-Mail.

Was unterscheidet dieses Internet-Interview von 'normalen' Interviews?

Viele Fragesteller und viele interessante Fragen.

Lesen Sie Kritiken?

Klar doch. ;-) Wir sammeln auch alles, was wir bekommen können...

Haben Sie Angst davor, einen 'Blackout' während eines Konzerts zu bekommen? Ist es Ihnen schon einmal passiert?

Nein, nicht mehr. Ich glaube, das hängt davon ab, wie gut man ein Stück studiert. Vor 10 Jahren war das sicher anders. Wichtig ist, dass man mit einem Blackout umzugehen lernt. Die Kunst ist, wie man sich rettet...

In wieweit ist der Notentext des Komponisten für Sie bindend und welche Freiheiten nehmen Sie sich als Interpret?

Der Notentext ist sehr bindend. Aber dennoch sind wir uns im Klaren, dass ein Komponist nicht alle Feinheiten in der normalen Notensprache deutlich machen kann. Speziell bei alter Musik ist der Notentext stark interpretierbar. Bei neuer Musik ist dies dagegen stärker eingeschränkt. Hauptaufgabe des Interpreten ist es, der Komposition Leben einzuhauchen und verantwortungsvoll künstlerisch zu gestalten.

Wie bereiten Sie Ihre Aufführungen vor? Stehen Sie in Kontakt mit den Komponisten, deren Werke Sie aufführen?

Meistens aber nicht immer. Zu vielen uns befreundeten Komponisten haben wir engen Kontakt. Z.B. zu Carlo Domeniconi, Roland Deyens, Jaime Zedaman, Christian Jost oder den Gebrüdern Aust.

Wie viele Konzerte geben Sie jährlich?

Dale gibt etwa 20 Solo-Konzerte. Im Duo geben wir etwa 60 Konzerte, davon fast zwei Drittel als Solist im Orchester.

Haben Sie einen Lieblingskomponisten oder ein Lieblingsorchester?

Thomas: Bach, Beethoven, Brahms, Shostakovic, Mozart. Dale: Sibelius. Lieblingsorchester: Die Berliner Philharmoniker sind schon ganz o.k... ;-)

Gibt es eine Stadt oder ein Land, in dem Sie gerne einen festen Wohnsitz hätten?

Es gibt kaum eine Stadt in die wir kommen, wo wir nicht gerne leben würden... Vielleicht am ehesten in London.

Haben Sie neben der Arbeit noch genügend Zeit für Hobbys? Wenn ja, was für Hobbys haben Sie?

Thomas: Keine Hobbies, keine Zeit... :-(

Dale: Schwimmen, Spanisch lernen. Aber auch kaum Zeit...

Hat sich Ihr Musikgeschmack im Lauf der Zeit verändert? Wenn ja, wodurch?

Im wesentlichen nicht. Die Vorlieben zur klassischen Musik sind seit ich denken kann geblieben.

Was tun Sie, um sich zu entspannen?

Wir sind sauna-süchtig! :-)

Welche Musik würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen? Welche definitiv nicht?

s. unsere Antwort zu den Lieblingskomponisten.

Wie können Sie Ihr Privatleben in die vielen beruflichen Reisen und Ortswechsel mit einbeziehen?

Wir haben ein Au-pair Mädchen und nehmen unsere fünfjährige Tochter auf die meisten Reisen mit.

Würden Sie Ihre Kinder in dem Wunsch, eine musikalische Laufbahn einzuschlagen, unterstützen?

Sicher!

Haben Sie Lampenfieber?

Dale: Ja. Thomas: Selten.

Hat Musik Ihrer Meinung nach mehr mit Handwerk oder mit Begabung/Talent zu tun?

Begabung.

Mit welchem Musiker würden Sie gerne zusammenarbeiten?

Keith Jarett, Bobby McFerrin, Daniel Barenboim, Simon Rattle.

Was halten Sie davon, wenn klassische Stücke in Pop/Rockmusik eingearbeitet werden?

Es hängt davon ab, wie geschmackvoll es gemacht wird.

Was halten Sie von kommerzieller Musik (Popmusik) und welche Bands/Sänger/Formationen schätzen Sie?

Wie bei allem anderen: Es gibt gute und schlechte Musik.

Wie stehen Sie zu dem Starkult, der um manche Künstler betrieben wird?

Thomas: Ich denke, dass Künstler, die lange Zeit am oberen Ende der Popularitätsskala stehen, es wirklich verdient haben.

Woran erkennt man künstlerische Begabung?

Dale: Ich war vor einiger Zeit in der Jury eines Jugend-Wettbewerbs. Dort haben sehr talentierte Kinder gespielt, die ihre Gefühle zeigen konnten. Dabei ist für mich vor allem die Kreativität wichtig (wie in allen künstlerischen Berufen).

Gehen Sie auch in Konzerte von befreundeten Künstlern?

Natürlich.

Gibt es ein Projekt, das Sie in Ihrem Leben auf jeden Fall noch realisieren möchten?

Viele.

Haben Sie musikalische oder andere Vorbilder?

Thomas: Mein Onkel. Daniel Barenboim.
Dale: Jacqueline Du Prét.

Komponieren Sie? Wenn ja, haben Sie davon schon etwas veröffentlicht?

Dale komponiert. Und vier ihrer Stücke sind auf einer Solo-Cd mit dem Titel "Toccata in blue". Die Noten sind bei Hubertus Nogertz erschienen.

Was mögen Sie an Ihrer Arbeit überhaupt nicht?

Jetlag.

Was reizt Sie an Ihrem Beruf?

Das Reisen.

Was war Ihr unangenehmstes Erlebnis bei einem Konzert?

Ein Dirigent hat einmal vor dem gesamten Orchester zu mir gesagt: "Sie (Thomas) haben das Stück ja gar nicht studiert!" Das war mir sehr peinlich. (Liegt aber schon zwölf Jahre zurück...) ;-)

Weigern Sie sich, bestimmte Komponisten zu spielen, und wenn ja welche?

Ich glaube nicht, dass wir uns wirklich weigern. Dennoch mache ich (Thomas) keinen Hehl daraus, dass ich mit neuer Musik avantgardistischer Prägung, in der es mehr um Geräusche als um Strukturen und dort verpönte Melodien geht, nicht allzu viel anfangen kann.

Ich (Dale) aber, ehrlich gesagt: Ich liebe moderne Musik. Bevor ich Dich (Thomas) kennengelernt habe, habe ich viel moderne Musik gespielt... ;-)

Wo liegen Ihrer Meinung nach die Hauptunterschiede zwischen amerikanischem und europäischem Publikum?

Man kann lokale Unterschiede ausmachen was die Begeisterungsfähigkeit des Publikums anbelangt, kann dies aber nicht verallgemeinern.

Sehen Sie ein schwindendes Interesse bezüglich klassischer Musik bei den kommenden Generationen?

Ehrlich gesagt nein. Ich (Thomas) kann mich noch genau erinnern, wie meine Mutter als die Beatles kamen, sagte: Das ist der Untergang der westlichen Kultur. Heute haben wir eine ähnliche Situation mit Hip hop, Rap oder Techno. Aber: Klassische Musik wird das - ebenso wie die Beatles - überleben!

Welche Stadt ist Ihrer Meinung nach die mit dem interessantesten Kulturleben?

Berlin, Köln, Hamburg, München.

Frau Kavanagh, Herr Kirchhoff, wir danken Ihnen - auch im Namen aller klassik.com Nutzer - für dieses interessante Gespräch.

Bitte schön, es hat uns viel Spass gemacht mit Ihnen.

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