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Samstag, 6. März 2021

Photo: Manfred Esser

Das Beethoven Trio Bonn über Freundschaft, Schach und Musik

"Das ist wie bei Geschwistern"


Das Beethoven Trio Bonn gibt es seit 2005. Innerhalb kürzester Zeit haben sich Mikhail Ovrutsky (Geige), Grigory Alumyan (Violoncello) und Rinko Hama (Klavier) einen ausgezeichneten Ruf als gefühlvolles und harmonisches Kammermusikensemble erarbeitet. Alle drei Musiker verfolgen gleichzeitig eine Solokarriere: Mikhail Ovrutsky konzertierte unter Yoel Levi und Valery Gergiev. Grigory Alumyan ist Kammermusikpartner von Martin Ostertag und Martha Argerich. Rinko Hama spielt als Solistin und Kammermusikerin. Engagements führen das Beethoven Trio Bonn in die ganze Welt. In der Saison 2008/2009 konzertieren die drei unter anderem im Rahmen der Reihe "Best of NRW". Miquel Cabruja traf die Musiker für klassik.com in der Kölner Wohnung von Mikhail Ovrutsky.

Die Geschichte des Beethoven Trios ist auch die Geschichte einer Freundschaft.

Grigory Alumyan: Mikhail und ich kennen uns schon sehr lange. Wir sind in Moskau zusammen zur Schule gegangen. Dann zog es Misha aber in die Vereinigten Staaten, wo er an der Manhattan School of Music und an der Juilliard School studierte.

Sie verloren sich aus den Augen?

Grigory Alumyan: Zeitweise, bis wir uns zufällig auf einem Wettbewerb wiedertrafen. Als man in Bonn einen Ersten Konzertmeister und einen Solocellisten für das Beethoven Orchester suchte, haben wir uns beworben und wurden beide genommen. Damit stand eigentlich auch der Name für unser Trio fest.

Zuerst musste aber noch Rinko Hama dazustoßen. Wie kam es dazu?

Rinko Hama: Ich kenne Grigory vom Studium an der Karlsruher Musikhochschule, wo wir auch als Duo gespielt haben. Alle drei sind wir uns auf einem Musikwettbewerb in Südafrika begegnet. Dort habe ich Misha gefragt, ob er für mich umblättern mag. Das war es eigentlich (lacht). Nein, es war schon eine bewusste Entscheidung für das Klaviertrio. Das Trio stellt ganz andere Anforderungen an die Musiker als etwa das Streichquartett, in dem die Harmonie des Klangs im Vordergrund steht. Beim Klaviertrio befinden sich demgegenüber echte Solisten im Dialog. Sie müssen im Einklang miteinander spielen aber auch ihre Eigenständigkeit bewahren. Das entspricht ziemlich genau unserer Auffassung vom Musikmachen.

Copyright Manfred Esser

Apropos Eigenständigkeit. Sie alle sind auch als Solisten erfolgreich.

Grigory Alumyan: In Russland wird man grundsätzlich zum Solisten ausgebildet. Ein Orchesterstudium in der Schule oder am Konservatorium, wie das in Deutschland üblich ist, gibt es dort nicht. Für mich sind aber alle Facetten der klassischen Musik wichtig. Wenn ich während einer Opernaufführung im Orchestergraben sitze, dauert das länger als jedes Sinfoniekonzert. Aber ich genieße die Zeit sehr. Gerade in der Zusammenarbeit mit Sängern kann man unheimlich viel lernen, was Phrasierung, was Klang angeht.
Mikhail Ovrutsky: Das gilt für mich genauso. Die Solistenkarriere hat in meinem Leben den gleichen Stellenwert wie das Trio und meine Tätigkeit im Beethoven Orchester. Ich möchte auf nichts verzichten müssen. Was gibt es Sinnvolleres, wenn man ein Trio von Felix Mendelssohn-Bartholdy einstudiert, als gleichzeitig an einer Sinfonie von Mendelsohn zu arbeiten? Und wenn ich etwa die Klangwelt des Violinkonzerts von Richard Straussens ergründen möchte, kann ich mir nichts Folgerichtigeres vorstellen, als mich gleichzeitig mit einer seiner Opern zu beschäftigen.

Haben Sie als Trio Vorbilder?

Mikhail Ovrutsky: Jascha Heifetz ist mein Lieblingsgeiger, und ich liebe die Aufnahmen, die er zusammen mit Arthur Rubinstein und Gregor Piatigorsky gemacht hat. Ich bewundere das Zeit- und Formgefühl, das sie miteinander entwickeln. Dazu kommt der überzeugende solistische Ansatz eines jeden Musikers und nicht zuletzt dieser einzigartige silbrige Klang. Alles zusammen gibt einem das Gefühl, dass die Musik, die sie spielen, genau so klingen muss.

Seine Blüte erlebte das Klaviertrio im 19. Jahrhundert. Wenn man sich für diese Gattung entscheidet, muss man eine Schwäche für die Romantik haben…

Mikhail Ovrutsky: Auch später haben Komponisten Klaviertrios geschrieben. Rachmaninow, Fauré, Debussy oder Ravel haben das Repertoire durch wunderbare Werke bereichert. Aber es stimmt schon. Wir haben eine Vorliebe für die Romantik, die ja selbst eine Vorliebe für das Klaviertrio hatte. Für mich persönlich ist das aber auch eine Frage des Klangs: Ich mag die Substanz des Klaviers, die mir beim reinen Streichquartett grundsätzlich fehlt.

Die Epoche der Romantik prägt auch Ihre Debut-CD, die 2007 beim kleinen Label ANTES EDITION herauskam. Auf dieser CD haben Sie das Klaviertrio Nr. 3 von Ludwig van Beethoven mit dem zweiten Klaviertrio von Felix Mendelssohn kombiniert. Eine Frage der Tonart?

Mikhail Ovrutsky: Dass beide Stücke in c-Moll stehen, passt natürlich. Aber vor allem sind beide Kompositionen herausragende Beispiele für die Musik ihrer Epoche. Und nicht zuletzt haben wir sie beide auch oft im Konzert gespielt.

Sollten sich Aufnahmen grundsätzlich aus dem Konzertleben heraus entwickeln?

Grigory Alumyan: Es ist schon praktisch, wenn man im Konzert die vielen kleinen Dinge ausprobieren kann, die später eine Aufnahme prägen.

Frau Hama, Sie sind in Tokio geboren. Wie wichtig ist der Schritt nach Europa, wenn man wie Sie in Japan klassische Musik studiert?

Rinko Hama: Es ist in jedem Fall wichtig. Aber ich kenne Europa nicht allein durch die Musik. Ich bin zum Teil in Düsseldorf aufgewachsen. Als ich mit dem Gedanken spielte, nach Europa zu ziehen, wollte ich deshalb auch woanders hin, um etwas Neues kennenzulernen. Aber wie Sie sehen, bin ich mit Mitte 20 dann doch wieder hier gelandet. (lacht)

Zusammen mit dem Beethoven Trio Bonn unternehmen Sie auch Konzertreisen nach Japan. Wie kommt Kammermusik dort an?

Rinko Hama: Ich hätte nie erwartet, dass es dort so ein großes Publikum für uns gibt. Kammermusik ist in Japan weniger bekannt aber das Interesse daran wächst offensichtlich.
Grigory Alumyan: Und in jedem Fall kommt russische Musik in Japan sehr gut an. Das liegt vielleicht daran, dass die Japaner ähnlich emotional sind wie die Russen.

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Gute Voraussetzungen für ein russisch-japanisches Ensemble. Wie ist die Situation in Russland?

Mikhail Ovrutsky: Die ist für Künstler vor allem finanziell sehr schwierig. Wer dort als Musiker überleben will, muss viele Privatkonzerte für die oberen Zehntausend spielen. Kammermusik verkauft sich dort auch insgesamt schwieriger.

Grigory Alumyan: Ich war eigentlich schon lange nicht mehr in Russland. Fast alle meine Schulkameraden sind in Europa, und als ich vor Jahren ein Konzert in meiner Heimat spielen wollte, wurde mir schon bei meiner Ankunft am Flughafen die Tasche geklaut. Da waren aber alle Dokumente drin, die ich für die Einreise brauchte und so durfte ich postwendend wieder zurückfliegen. (lacht)

Da ist es in Deutschland wahrscheinlich einfacher…

Mikhail Ovrutsky: Deutschland ist in dieser Hinsicht wirklich ein Sonderfall. Vielleicht merkt man es gar nicht, wenn man hier geboren und daran gewöhnt ist. Aber in Deutschland wird Kultur auf eine Weise gefördert, die in der Welt ziemlich einzigartig ist.
Rinko Hama: Dazu kommt, dass das Publikum hier unglaublich interessiert ist. In jedem mittleren Ort gibt es eine große Vielfalt an Musik, wie man sie andernorts nicht finden würde. Hier gibt es einfach alles: Hausmusik, Salonkonzerte, Kammer-, Sinfoniekonzerte und vieles mehr. Und für diese ganze Bandbreite finden sich Konzertbesucher und Zuhörer.

Aber auch in Mitteleuropa bricht eine Tradition weg. Die häusliche Kammermusik-Kultur der bürgerlichen Familien gibt es kaum noch.

Rinko Hama: Aber das Erbe dieser Zeit wirkt noch nach. Das ist z. B. in Japan anders, weil die dortige Kultur andere Wurzeln hat und diese Tradition nicht kennt.

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Die Balance zwischen den Instrumenten gilt beim Klaviertrio als schwierig. Vor allem das Cello wird wegen seines Timbres leicht vom Klavier überdeckt.

Rinko Hama: Bei uns muss keiner leiden. Auch das Cello nicht. Aber das ist eine Frage, die für das gemeinsame Musizieren grundsätzlich gilt: Man muss aufeinander hören und ein Gefühl für das richtige Maß entwickeln. Aber zum Glück sind die meisten Klaviertrios eben auch hervorragend geschrieben, so dass sich das Gleichgewicht von ganz allein einstellt.

Mikhail Ovrutsky: In unserem Fall ist das in der Tat so. Wir hatten schon von Anfang an das Gefühl, dass wir gut zusammenpassen. Wir sprechen eigentlich nicht viel über solche Fragen und reagieren fast instinktiv aufeinander.

Gilt das auch für Bereiche außerhalb der Musik?

Grigory Alumyan: Nicht unbedingt. Zusammen Schach zu spielen, ist eine ziemlich harte Prüfung – zumindest für mich! Ich mache nämlich gerne schnelle Züge und Misha braucht für den ersten Zug gleich zwei Stunden. Da werde ich wahnsinnig!
Rinko Hama: Wir sind wirklich sehr unterschiedliche Persönlichkeiten. Manchmal gibt es sogar den einen oder anderen kleinen Streit. Aber das ist wie bei Geschwistern: Wir vertragen uns sehr schnell wieder – und sobald wir zusammen spielen, ist alles vergessen.
Grigory Alumyan: Wie waren einfach zuerst Freunde. Erst danach wurden wir Kollegen. Und bislang sieht es nicht so aus, als ob das kollegiale Verhältnis irgendwann einmal überhand nähme.

Das Gespräch führte Miquel Cabruja.
(07/2009)

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