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Freitag, 17. September 2021

[Wir sind Helden]

Musikzeitschriften im Portrait: music manual

Wir sind Helden

Himmelsboten, Heilsbringer, Hoffnungsträger

Vom Gegenteil ist genug die Rede, vom Rost, der nie schläft, und dem Lodern, das dem dumpfen Verlöschen vorzuziehen ist. Ganze Hymnen sind geschrieben worden auf ein schnelles Leben, mit Spruchweisheiten fürs Stammbuch des Rock 'n' Roll: "Hope I die before I get old". Dass die Popkultur traditionell nicht vom weisen Alter, sondern vom Jungsein und vom Recht auf Konsum erzählt, liegt auf der Hand. Dass sie in mehr als 40 Jahren Geschichte nicht wesentlich darüber hinausgekommen ist, überrascht. Doch dann standen plötzlich "Wir sind Helden" vor uns. Intellektuelle Aphoristiker mit einer MESSAGE. Konsum, erfuhren wir, ist schädlich fürs Seelenheil. Wie… neu! Oder? Eigentlich nicht, aber es fühlte sich neu an, und das reicht heutzutage schon. - Auch für die neue CD " Von hier an blind"?

Erstens, die Welt ist ein Dreckloch, zweitens, sie kann jederzeit gerettet werden. Und so kommt es, dass der Mensch einerseits den Schusswaffenbesitz in amerikanischen Schulen legalisiert, Plutonium transportiert, Panzer exportiert, andererseits aber nichts anderes als das Himmelreich auf Erden errichten möchte. Und um das alles auf einem einzigen Planeten hinzubekommen und den lieben Gott wegen dem bisschen Schweinkram nicht all zu sehr auf zu regen, gibt es, wie in einer arbeitsteiligen Gesellschaft nicht anders zu erwarten, spezialisierte Hilfskräfte, Himmelsboten und Stellvertreter, jede Menge heiliges Geflügel halt. Die neuesten Propheten heißen "Wir sind Helden."

Und ein gewisser Heroismus gehört wohl dazu, wenn man es schafft, dass ein im Übungsraum gedrehtes Video auf MTV läuft, obwohl man nicht mal einen Plattenvertrag hat. Heroismus, weil der Song "Guten Tag (Die Reklamation)" schnell und schnörkellos mit einem Refrain daherkommt, der wie von besprühten Häuserwänden abgekupfert klingt: "Ich kauf nichts mehr, ich will mein Leben zurück." Schon die ersten Takte dieses Drei-Minuten-Wunders erinnern an die goldenen Zeiten der Neuen Deutschen Welle, an Ideal, Fehlfarben und DAF. Rumpelndes Schlagzeug, zickiger Synthie, Schrammelgitarre. Und Judith Holofernes singt: "Meine Stimme gegen ein Mobiltelefon. Meine Fäuste gegen eure Nagelpflegelotion. Meine Zähne gegen Doktor Best und seinen Sohn. Meine Seele gegen eure sanfte Epilation. Es war im Ausverkauf, im Angebot, in Sonderaktion. Tausche blödes altes Leben gegen neue Version. Ich hatte es zu Hause kaum ausprobiert, da wusste ich schon, an dem Produkt ist was kaputt - das ist die Reklamation." Damit wurden die Herrschaften der Hype des Sommers.

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