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Dienstag, 9. August 2022

[Raison de Coeur (Das Denken des Herzens)]

Musikzeitschriften im Portrait: Bach Magazin

Raison de Coeur (Das Denken des Herzens)

Nikolaus Harnoncourt zum 75. Geburtstag

von Jörg Clemen, aus: Bach Magazin 04/2004

(ungefähr 13 Seiten)

Er wollte Holz-Bildhauer werden, Bühnenbildner, hat Gedichte geschrieben, gezeichnet und spielte Marionettentheater. Immer aber mit der leidenschaftlichen Ernsthaftigkeit und dem Qualitätsanspruch eines "Profi". Das Violoncello wurde beim häuslichen Musizieren gebraucht. Und so kam er schließlich zur Musik: Nikolaus Harnoncourt. Am 6. Dezember feiert das Urgestein der historischen Aufführungspraxis seinen 75. Geburtstag. Vier Kinder und acht Enkel sowie seine Frau Alice, mit der er seit seinem 18. Lebensjahr verbunden ist, feiern mit. Wir trafen den weltberühmten Jubilar in seinem Stammhotel in Amsterdam.

Bach Magazin: Herr Professor Harnoncourt, Sie haben in Ihrem Buch "Musik als Klangrede" gesagt, dass sie sofort aufhören würden Musik zu machen, wenn sich die negative Entwicklung des Musiklebens fortsetzen würde. Nun sind Sie 75 und Sie machen immer noch Musik. Was hat sich also am Musikleben verändert?
Nikolaus Harnoncourt: Es hat sich leider nichts geändert. Aber es ist eben noch ein Rest da und ich fühle es: da wird sich etwas ändern. Die jetzige Form des Konzertlebens mit ihren Anrechtskonzerten in großen Konzertsälen wird nicht ewig existieren. Dieses so genannte bürgerliche Konzertleben, welches so abläuft: ein Publikum bezahlt Eintritt, dann wird eine Sinfonie gespielt, dann gibt es eine Pause und dann wieder eine Sinfonie - all das hat sich in dieser Form wahrscheinlich sehr bald überlebt. Zu welchen anderen Formen man da finden wird weiß ich momentan auch nicht zu sagen, aber ich habe die Hoffnung, dass der Wunsch oder fast die Notwendigkeit der Menschen nach einem innig-intensiven Umgang mit Musik wieder stärker in den Vordergrund tritt. Es gibt ja auch in anderen Bereichen wie zum Beispiel in der Politik immer wieder Menschen, die erkennen: ohne Kunst ist der Mensch kein richtiger Mensch. Das lässt mich hoffen.
Wenn das wieder die Meinung der Allgemeinheit wird, dann wird die Vermittlung von Musik rasante Fortschritte machen. Denn es ist ja so: ein Kind hat heute das Recht, rechnen schreiben und lesen zu lernen. Wir sagen: man darf das einem Kind nicht verweigern. So gut muss es das lernen, dass es damit durchs Leben kommt. Also: Schulpflicht ist gut. Dass zu diesem Erziehungskanon auch die Kunst gehört, ist aber genauso wichtig und diese Gleichwertigkeit gab es ja früher schon einmal, zum Beispiel in der Klostererziehung oder eben dort, wo die Basis für Erziehung war. Jetzt wird die Schule von der Politik geregelt und ich habe schon vernommen, dass einzelne Politiker unter dem Druck zu sparen dann gesagt haben, die Kunst muss da hinten anstehen, weil das Geld nicht ausreicht und rechnen und schreiben lernen wichtiger ist für die spätere erfolgreiche Auseinandersetzung mit der Lebens- und Arbeitswelt. Das ist ein fataler Irrtum. Wo ich den Lichtblick sehe ist, dass ein Teil der Intelligenz darauf kommt, dass die kulturelle Bildung des Menschen elementar wichtig ist. Ich gehe sogar so weit, dass ohne kulturelle Bildung die emotionale Seite des Menschen verkümmert, er als totaler Materialist lediglich egoistisch und Zweck gebunden handelt und das dadurch unsere Gesellschaft in Frage gestellt wird. Wer meint, dass Wohlstand nur eine materielle Frage ist, irrt. Aber wie viel von diesem Irrtum ist heute verbreitet: Wer gefragt wird, wie es einem geht und die Antwort lautet, es könnte besser gehen, dann ist oft genug lediglich das Materielle gemeint. Und in jeder politischen Diskussion wird heute Geld mit Wohlstand gleichgesetzt. Ich denke, der Mensch darf nicht hungern müssen, weil er nicht genügend Geld hat. Aber in dem Moment, wo er wohnen und leben kann und nicht hungern muss, ab dem Moment sind andere Sachen viel wichtiger als das Geld. Leider bemerken viele zu spät, dass sie keine Zufriedenheit oder Glück kaufen können.
Bach Magazin: Es scheint ja auch, dass jede heranwachsende Generation eine Phase hat, in der sie ihren Fromm, Hesse oder Sartre liest, dass davon dann aber später nicht viel übrig bleibt. Zum anderen hat die Eventkultur sich selbst einen gigantischen Materialaufwand verordnet: Orffs Carmina Burana vor riesiger Freiluftkulisse, Musicals, für deren Aufführung eigens Besucherhallen konstruiert wurden. Da kommt schon Emotion herüber, aber sie ist in hohem Maße an materiellen Aufwand gebunden. Ist das nicht die Entwicklung der wir entgegen blicken?
Nikolaus Harnoncourt: Sehen Sie zum Beispiel den ganzen so hochprofitablen Bereich der Rock- und Popmusik: Ihn gab es früher nicht, denn die Unterhaltungsmusik wurde von den gleichen Komponisten abgedeckt, die auch die so genannte hohe Kunst betrieben haben. Ein Bach hat mittwochs im Zimmermanschen Kaffeehaus in Leipzig musiziert, ein Mozart und ein Schubert haben zum Tanz in Wiener Lokalen aufgespielt. Oder nehmen Sie die uralte Tradition der Tafelmusiken, manche aus einer Zeit, da ein Leonardo da Vinci einen Speisetisch ungemein reich gestaltet und verziert hat - damals war ein Festmahl eben auch ein Fest der Künste. Da darf man nicht glauben, dass während des Essens Musik gemacht wurde. Händel und Corelli haben einmal gemeinsam bei einem Kardinal in Rom aufgespielt. Aber eben immer nur dann, wenn ein Gang beendet war und die Gäste konzentriert zuhören konnten. So ein Fest kann dann leicht sechs Stunden gedauert haben.
Bach Magazin: Ist es nicht auch eine Frage der Spezifik der Musik als Kunst? Musik ist Zeit gebunden und lässt sich nicht unendlich beschleunigen. Aber unsere Lebenswelt scheint genau das zu tun. So als wäre das Leben ein fortschreitendes Accelerando.
Nikolaus Harnoncourt: Richtig, man macht alles ein bisschen schneller und glaubt dann, dass man mehr Zeit hat für die Dinge, die einen interessieren. Wenn man sich das Leben des jungen Mozart anschaut - der hat einen so irrsinnig großen Teil seines Lebens in der Kutsche verbracht, insgesamt 10 Jahre - heute haben wir Autos und Flugzeuge und müssten also viel mehr Zeit haben. Aber wir haben wahrscheinlich keine einzige Minute gewonnen. Selbst bei einer so strapaziösen Kutschenfahrt über oft zehn Stunden hat Mozart immerfort komponiert. Das ist das eigentliche Wunder. Er hat nie Langeweile gehabt Es hängt ja auch mit dem vorhin gesagten zusammen, dass jede Erfindung, jeder Fortschritt auch ein rückschrittliches Moment besitzt. Wenn man die Zeit, die man gewinnt, wirklich entsprechend nützen würde und jede Sekunde als das Kostbarste betrachten würde, dann wäre vielleicht ein Vorteil möglich. Aber wer tut das? Wir können es nicht.
Bach Magazin: Wird bildende Kunst und der Bereich Oper /Theater durch Uraufführungen und Inszenierungen nicht von einem größeren Publikum angenommen und wirkt dagegen ein Haydn aus dem Konzerthaus nicht unzeitgemäß? Um nicht zu sagen: brav und bieder? Die Reaktion wäre dann: unaufmerksames Zuhören.
Nikolaus Harnoncourt: Ich glaube, ganz für mich, dass die ganz große Kunst letzten Endes zeitlos ist. Damit meine ich also nicht die Werke der Kleinmeister und auch nicht alle Werke der großen Meister. Wenn eine Haydn-Sinfonie, weil Sie das gerade genannt haben, in der Zeit Haydns die Menschen verändert hat, aufgeregt, aufgewühlt hat oder irgendwie innerlich etwas bewirkt hat, was für ihre Lebenseinstellung einen neuen Aspekt gebracht hat oder Einblicke in ihr Inneres und solche Dinge, und das wurde ja immer wieder berichtet zum Beispiel auch über Mozarts große g-Moll-Sinfonie, dann fragen wir uns, ist dieser Aspekt heute noch existent? Gibt es den noch und wenn ja, dann haben wir die Sinfonie so zu spielen, dass der Hörer genauso ergriffen von der Musik wird wie zur Zeit ihrer Entstehung. Das, was ganz große Kunst zu sagen hat, hat sich kaum verändert. Ebenso der Mensch wenn er leidet, Schmerz empfindet, Freude oder Liebe. Alles was der Mensch heute braucht für sein Leben ist gar nicht so weit entfernt von dem, was vor tausend Jahren gebraucht wurde. Und was die Kunst bietet an Hilfe für den Einblick in sich selbst, das hat sich auch kaum geändert. Deshalb glaube ich, dass, wenn ich eine Haydn-Sinfonie spiele und der kundige Zuhörer hat den Eindruck, er hört lediglich ein braves Stück, dann habe ich eben schlecht gespielt. Dann werde ich diesem Werk nicht gerecht. Der musikalisch gebildete Hörer muss eine ähnliche Auseinandersetzung bekommen wie sie der Zeitgenosse Haydns bekommen hat. Allerdings ist das so einfach nicht, weil sich in der Musikgeschichte verschiedene Reizschwellen extrem verschoben haben. Und wenn eine Generalpause einen Zeitgenossen aufgeregt hat, dann ist dies nach dem, was sich in neunzehnten Jahrhundert entwickelt hat, völlig anders. Und die Überraschungen, die ein Haydn in harmonischer und melodischer Sicht erreichte, sind heute nicht mehr erreichbar, weil man die Stücke schon kennt. Ich bin trotzdem der Meinung, dass ich grundsätzlich nur Uraufführungen dirigiere. Wenn ich die Siebente von Beethoven dirigiere, dann mit dem Bestreben, sie so zu spielen, als hätte das Publikum sie nie zuvor gehört.
Bach Magazin: Wenn Sie das so sagen, dann setzt das aber in jedem Falle voraus, dass der Hörer über musikalische Bildung verfügt oder selbst Musik betreibt.
Nikolaus Harnoncourt: Musik ist eine Sprache, und diese Sprache muss man lernen. Während der Französischen Revolution kam die Meinung auf, Musik wäre eine rein gefühlsmäßige Sache, und wenn ein Hirte von der Alm kommt, der noch nie in seinem Leben Musik gehört hat, dann müsste Musik den auch rühren. Nur Musik, die das kann, sei wichtig für die Menschen. Das war fast ein Programm der Französischen Revolution.
Bach Magazin: Und das Tor zum Kitsch...
Nikolaus Harnoncourt: Und ein elementarer Fehler. Die Musik ist eben Sprache, und der Hörer muss ihre Grammatik und Rhetorik zumindest in Grundzügen kennen, oder er kann sie gar nicht richtig wahrnehmen, geschweige denn verstehen. Heute wird man natürlich mit Musik überall berieselt und selbst wenn man die Unterhaltungsmusik einschließlich Rock und Pop einmal ausklammert, dann hört ein kleines Kind ständig Musik, und da ist vielen offenbar gar nicht bewusst, wie schädlich das für die Hörfähigkeit der Kinder sein kann.

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