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Samstag, 15. Dezember 2018

[?Manchmal fühlt man sich fast stigmatisiert?]

Musikzeitschriften im Portrait: Österreichische Musikzeitschrift

?Manchmal fühlt man sich fast stigmatisiert?

Markus Hinterhäuser im Gespräch mit Daniel Ender

von Daniel Ender, aus: Österreichische Musikzeitschrift 3/2004

(ungefähr 4 Seiten)

Daniel Ender: Sie treten bei den heurigen Wiener Festwochen in mehreren Rollen in Erscheinung: als Programmverantwortlicher für die Neue-Musik-Schiene zeit_zone (gemeinsam mit Tomas Zierhofer-Kin, Anm.) und in einem dieser Projekte auch als Mitwirkender; daneben aber an einem Abend, der einem Komponisten gewidmet ist, mit dem man Sie nicht unbedingt verbinden würde: Leos? Janác?ek wird als Persönlichkeit mit einer Lesung mit Feuilletons und Tagebuchausschnitten portraitiert, als Komponist mit den beiden bedeutenden Klavierwerken Im Nebel und der Sonate "Von der Straße. 1. X. 1905", aber auch dem ersten Buch des Zyklus Auf verwachsenen Pfaden, der Janác?ek von einer völlig anderen Seite zeigt: Seine Rauigkeit und sein revolutionärer Umgang mit der Form, sein radikales Umformen von folkloristischem Material zu abgründiger Modernität scheinen mir in gefälligeren, gerundeten Szenen weitgehend abgedämpft zu sein. Würden auch Sie hier einen qualitativen Unterschied sehen?
Markus Hinterhäuser: Es mag sicherlich Wesentlicheres von Janác?ek geben - Schumann ist ja auch nicht deswegen ein großer Komponist, weil er die Waldszenen komponiert hat -, doch die milde Naivität, die hier durchscheint, hat schon auch ihre Berechtigung in einem größeren Zusammenhang dieser Komponistenpersönlichkeit. Das ist ein Teil seines Werks, und vieles, was man in größeren, bedeutenderen Stücken findet, wird vom Komponisten vorher ausprobiert. Ich halte die Sonate und Im Nebel für ganz großartige und wichtige Beiträge zur Klavierliteratur, und die kleinen Klavierstücke von Auf verwachsenen Pfaden sind einfach Impressionen, die auch gar nicht prätentiös daherkommen und die man im Gesamtkontext sehen muss - etwa mit Janác?eks ungeheuren Leistungen im Bereich des Musiktheaters. Wenn große Komponisten solche Stücke schreiben, empfinde ich das manchmal als Atemholen zwischen intensiverer und gewichtigerer Auseinandersetzung, die aber gleichermaßen etwas von ihrer Empfindungswelt mitteilen. Auch von Bach oder Beethoven gibt es ja solche Petitessen, die man allerdings nicht aus enzyklopädischem Ehrgeiz gleich alle spielen muss. Was ich aber oft versuche, ist, musikalische Verbindungen hörbar zu machen: In einem meiner nächsten Programme (Klavierfestival Ruhr, Dortmund 23.7., Anm.) lasse ich auf die Janác?ek-Sonate eine von Schubert folgen, oder die von Berg geht in ein spätes Klavierstück von Liszt über, Nuages gris, das dieselbe Intervallfolge (Quart - Tritonus} als Hauptmotiv hat. Im Zentrum dieses Abends wird eine Uraufführung stehen, auf die ich mich besonders freue: ein Zyklus von fünf kurzen Stücken von Beat Furrer, der sicher einer der ganz wesentlichen Komponisten u.a. im Umgang mit Klang ist, der ein ungeheures Sensorium für allerfeinste Valeurs besitzt und eine große Fähigkeit, eine Form zu füllen.
Daniel Ender: Könnte man nicht sogar sagen, dass Furrer von seinen klanglichen Erkundungen derart plausibel zu formalen Abläufen kommt, dass er damit dem von Helmut Lachenmann formulierten Ideal von "Strukturklang" und "Klangstruktur" - die ineinander übergehen - näher kommt und dieses unmittelbarer zum Ausdruck bringt als Lachenmann selbst?
Markus Hinterhäuser: Diese Ansicht würde ich teilen, obwohl ich glaube, dass Lachenmann mit dem Mädchen mit den Schwefelhölzern und dem 3. Streichquartett in eine Dimension vorgedrungen ist, die vorher nur erahnbar war, und dass nun eine unglaublich gelassene Souveränität und beinahe schon so etwas wie Friedfertigkeit spürbar wurde, die frühere Anstrengung vorbei ist: Es ist nicht mehr ein Suchen, es ist schon gefunden.
Daniel Ender: Wie haben denn Sie zu Ihren bevorzugten Komponisten gefunden?
Markus Hinterhäuser: An vielen haben mich zunächst außermusikalische Dinge fasziniert. Obwohl es ja sicher wesentlichere Komponisten als Cage gibt - Komponisten im herkömmlichen Sinne -, gibt es kaum faszinierendere Figuren als ihn. Auch an Feldman hat mich am Anfang interessiert, was er in seinen "lectures" gesagt hat, etwa über Malerei und Musik. Bei Nono haben mich auch zuerst nicht primär musikalische Aspekte angezogen, sondern seine Gedanken über ganz andere Dinge - das Interesse an der Musik kommt für mich oft erst mit der Beschäftigung. Es ist nur schwierig, dass man in der öffentlichen Wahrnehmung sofort eingeteilt wird - eigentlich empfinde ich es ja gar nicht so, dass ich "Neue" Musik spiele! - man würde ja auch zu keinem Schauspieler sagen "Wahnsinn, Sie machen ja neues Theater!", wenn er Beckett spielt, da ist das völlig normal. Und was ist Feldman eigentlich anderes als komponierter Beckett? Manchmal fühlt man sich da fast auf eine merkwürdige Art stigmatisiert. Ich finde Schumann wunderbar, ich finde Schubert wunderbar - und bei Marthalers Schöner Müllerin habe ich nicht zuletzt aus dem Grund mitgemacht, weil man da etwas über Schubert erfahren kann - eine Reflexion über Schubert, was einen für mich ganz wesentlichen Blick eröffnen kann. Marthaler trifft für mich einen Schubert'schen Grundton auch mit seinen Bildern und bringt Menschen zum Sich-Mitteilen durch den Gesang abseits meistens artifizieller Liederabend-Ästhetik, erreicht Leute, die Schubert sonst nicht erreichen würde. Alles an vermeintlich neuer Musik ist ohnehin nicht davon zu trennen, was es vorher gab -
Daniel Ender: - mit einer umgekehrten Trennung ist man aber stets konfrontiert, wenn man an namhafte Interpreten denkt, die bekennen, dass sie nicht nur kein Verständnis für neue Entwicklungen aufbringen, sondern dass es schon bei Schönberg aufhört ?
Markus Hinterhäuser: Das ist natürlich eine Haltung, die ich weder akzeptieren noch irgendwie nachvollziehen kann und die wohl damit zu tun hat, dass das Konzertleben noch immer nach spätbürgerlichen Mustern abläuft und nach dem Grundsatz, Musik habe als Erfüllungsgehilfe festgelegter, v.a. emotiver Erwartungen zu funktionieren - ist dies nicht der Fall, ist sie automatisch ,pfui'. Das betrifft auch die Ausbildung von jungen Musikern, obwohl es hier schon besser geworden ist - diese Erfahrung konnte ich zum Glück machen. Es sollte aber für einen denkenden Musiker überhaupt nichts geben, was ihm von vornherein fremd ist. Von Schönberg habe ich das gesamte Klavierwerk eingespielt und oft die ganze Klaviermusik der Wiener Schule im Konzert gespielt und mich natürlich intensiv damit auseinandergesetzt, dann gab es eine Phase, wo mich die dodekaphonen Stücke wieder weniger interessiert haben, weil doch eine sehr konservative und apodiktische Haltung dahinter zu stecken scheint - für mich irritierend und fremd - und Schönberg sich immer an Bach, Beethoven und Brahms gerieben hat - vielleicht aus einer gewissen Komplexsituation heraus. Zur Zeit bekomme ich aber Schönberg wieder in den Blick, weil ich gerade etwas völlig Anderes, aber doch irgendwie Vergleichbares aufnehme: die 24 Präludien und Fugen von Schostakowitsch - die ja auch auf ein fast beängstigendes Vorbild Bezug nehmen, obwohl ich sie gar nicht so sehr in Zusammenhang mit Bach sehen möchte: Da gibt es etwas anderes, verborgene Chiffren, weit weg von einem klassizistischen oder neobarocken Programm - auch völlig anders als etwa Hindemiths Ludus tonalis - mit einer inneren Architektur, mit der sich der Zyklus entwickelt bis hin zur riesigen Endfuge ...
Daniel Ender: Würden Sie das Programm der zeit_zone, wo sich vieles an den Grenzen zu überkommenen Genres abspielt, als Gegenmodell zur traditionalsitischen Konzertsituation sehen?
Markus Hinterhäuser: Was wir zu zeigen oder zu entwickeln versuchen, ist ein Spiel mit vorhandenem Material, das ernst oder ironisch sein kann, politisch gedacht ist oder auf einer rein ästhetischen Ebene funktioniert. Diesen Grundgedanken zeigt gleich das erste Projekt von Paul Miller (DJ Spooky), vor dem ich als wirklich intelligentem künstlerischen Zeitgenossen großen Respekt habe, der unter dem Titel Re-Birth of a Nation eine künstlerisch-politische Auseinandersetzung mit einem Film aus dem Jahr 1915 unternimmt, und zwar D. W. Griffiths Birth of a Nation - ein in mehr als einer Hinsicht politisch problematischer und rassistischer Film, der gleichzeitig ein echtes Meisterwerk auf höchstem Niveau ist. Diesen Film wird Miller als junger Schwarzer mit völlig anderer Weltsicht und politischer Haltung als Material für sich und unsere Zeit transformieren - indem er im weitesten Sinn des Wortes damit spielt. Rupert Hubert - der unser zweites Projekt gestaltet -,spielt' mit Genres: Dieses Projekt ist eng mit Wien verbunden und wird auch nur hier zu sehen sein; und es spielt mit einer für Wien typischen, uralten Thematik, dem Typ der Hausmusik. Huber nennt das "privat exile" - eine Situation, die es seit dem Biedermeier in Wien gab, mit den Schubertiaden, Schönbergs Privataufführungen, bis zu heutigen Hauskonzerten. Das Phänomen wird nun teilweise ironisch betrachtet, wenn in 23 Wiener Wohnungen "Hauskonzerte" ganz unterschiedlicher Art - das kann ein Elektroniker sein, jemand, der Cage spielt, ein Opern- oder Liedsänger - stattfinden, so dass sich abseits eines abwegigen Fusion-Gedankens eine Grammatik der musikalischen Sprachen des Privaten herstellt. Im Ronacher als Schaltzentrale wird dann dieses Material, das untertags gesammelt wurde, zusammenfließen, aus dem Huber quasi eine Partitur zusammenstellt - einige der Musiker werden dann auch dort spielen, und nach gewissen Codes wird diese Partitur zum Klingen kommen. Mir gefällt diese Idee; über die musikalische Qualität am Ende kann ich noch gar nichts sagen - das ist völlig unvorhersehbar, und gerade darin liegt für mich ein besonderer Reiz - aber der Gedanke, mit diesen Topoi zu spielen, erschien uns so interessant, dass wir das unterstützen und realisieren wollten. Auch in anderen Projekten geht es um Transformationen: Die Gruppe "Zeitkratzer" aus Berlin wird elektronische Musik von Xenakis instrumental nachspielen - ein hochkomplizierter Vorgang, aber von Xenakis gibt es konkrete Hinweise, dass ihn eigentlich Instrumentalklänge zur Elektronik gebracht haben. Dieses Zurücktransformieren wird vermutlich ein ganz verblüffendes Ergebnis haben. Außerdem werden u.a. eine Reihe von Elektronikern je ein Stück von Bernhard Lang und Xenakis "remixen" - ein Ausdruck, den ich eigentlich nicht mag, da nichts gemixt wird, sondern Materialien neu befragt werden. Auch DJ ja ist ein nicht besonders viel sagender, der Bezeichnung "Geiger" oder "Pianist" vergleichbarer Begriff. In diesem Musikbereich gibt es aber ein hohes Maß an musikalischer Reflexion und an wirklicher intellektueller Durchdringung und vieles, was man wirklich neue Musik nennen kann. Das Interesse von Elektronikern an dem, was wir als "Neue Musik" bezeichnen, ist dabei wirklich groß, umgekehrt leider erstaunlich bescheiden.

 

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