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Dienstag, 9. August 2022

[Finale & Auftakt]

Musikzeitschriften im Portrait: Bach Magazin

Finale & Auftakt

von Jörg Clemen, aus: Bach Magazin 2/03

Demnächst erscheinen zwei weitere Bände der nahezu vollendeten Neuen Bach-Ausgabe. Parallel dazu starten die Gesamtausgaben der Bach-Söhne Wilhelm Friedemann und Carl Philipp Emanuel Bach.

Die im Bachjahr 1950 als Idee ins Leben gerufene und 1953 editorisch begonnene neue Ausgabe sämtlicher Werke Johann Sebastian Bachs (NBA) neigt sich dem Ende entgegen. Von den 105 geplanten Notenbänden und Kritischen Berichten sind mittlerweile 97 Notenbände und 91 Kritische Berichte sowie vier Supplementbände erschienen. Gegenwärtig werden zwei weitere Notenbände gedruckt. Andreas Glöckner hat die Frühfassung der Matthäus-Passion ediert, Peter Wollny veröffentlicht einen Band der Rubrik "Kontrapunktstudien, Skizzen, Entwürfe".

Wenn heute Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion (BWV 244) auf dem Programm steht, dann hört das Publikum die überarbeitete Fassung aus dem Jahre 1736. Deren Reinschriftpartitur wie auch die zugehörigen Aufführungsstimmen gehörten zum Erbteil Carl Philipp Emanuel Bachs und sind der Nachwelt vollständig erhalten geblieben. Ein Glücksumstand. Die Erstaufführung dieser Passion erfolgte jedoch etliche Jahre zuvor spätestens im Vespergottesdienst der Thomaskirche am Karfreitag 1729. Einige Experten halten sogar das Jahr 1727 für wahrscheinlich. Alle Originalquellen von dieser Frühfassung (BWV 244b) sind leider verloren gegangen. Doch allen Verlusten zum Trotz: Unter den Handschriftenbeständen der "Amalien-Bibliothek" sie werden als Dauerleihgabe in der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz zu Berlin verwahrt existiert eine wohl um 1756 angefertigte Abschrift des verschollenen Partiturautographs. Hinsichtlich des Notentextes wie auch der vokalen und instrumentalen Besetzung weicht diese Kopie teils erheblich von Bachs Reinschriftpartitur von 1736 ab. So steht am Ende des ersten Teils ("Vor der Predigt") nicht der groß angelegte Choralchor "O Mensch, bewein dein Sünde groß", sondern der vierstimmige Choralsatz "Jesum laß ich nicht von mir". Die Arie der Tochter Zion "Ach! nun ist mein Jesus hin!" (Satz 30) ist dem Baß statt dem Alt zugewiesen; das Baß-Accompagnato "Ja freilich will in uns das Fleisch und Blut" (Satz 56) und die anschließende Arie "Komm, süßes Kreuz" (Satz 57) mit einer Laute statt einer Gambe besetzt. Als Schreiber der Partitur galt bislang Bachs Schüler und Schwiegersohn Johann Christoph Altnickol (1719 1759). Jüngste Schriftuntersuchungen haben jedoch ergeben, daß die Kopie nicht von ihm selbst, sondern von der Hand seines Schülers Johann Christoph Farlau (ca. 1735 ??) stammt. Über dessen Lebensweg ist kaum etwas bekannt, außer dass er die Naumburger Stadtschule besuchte, in Jena studierte und später als Notargehilfe in Leipzig arbeitete. Nach 1770 verlieren sich seine Spuren im Dunkeln. Offenbar war dem Kopisten Bachs Reinschriftmanuskript von 1736 nicht mehr zugänglich, weshalb er auf eine Partiturvorlage der älteren Fassung (1729) zurückgreifen mußte. Die Frühfassung der Passion wurde als kommentiertes Faksimile bereits 1972 von Alfred Dürr veröffentlicht. Naturgemäß blieben dabei aufführungspraktische und editorische Aspekte unberücksichtigt. In den letzten Jahren entstand aber gerade unter den an historischer Aufführungspraxis besonders interessierten Ensembles das Bedürfnis an einer musizierbaren "Frühfassung". Diesem Ansinnen trägt nun die Edition Andreas Glöckners Rechnung. Ihm geht es nicht nur um eine möglichst genaue Trennung der vorliegenden Versionen, sondern gleichermaßen um praktikable Lösungen für künftige Aufführungen. Ungeklärt bleibt die Frage, inwieweit der Frühfassung noch eine "Urfassung" vorausging. Anhaltspunkte für deren einstige Existenz glaubt die Forschung seit längerem gefunden zu haben. Aber wie so oft bei Bach: zwingende Beweise dafür müssen noch erbracht werden.

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