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Freitag, 14. August 2020

[Piers Adams]

Musikzeitschriften im Portrait: Tibia

Piers Adams

im Gespräch mit Andrew Mayes

von Andrew Mayes, aus: Tibia

(ungefähr 7 Seiten)

Piers Adams war einer der ersten Blockflötenspieler, die ich interviewt habe. Das war 1994, und ich war erst seit knapp einem Jahr Herausgeber des Recorder Magazines. Kurze Zeit später veröffentlichte er seine CD Shine and Shade, auf der er Stücke vorstellte, die Carl Dolmetsch in seinen jährlichen Konzerten in der Wigmore Hall uraufgeführt hatte. Diese CD weckte mein Interesse an dieser Musik und führte dazu, dass ich darüber wissenschaftlich zu arbeiten begann.
Während ich mich in den folgenden Jahren immer intensiver mit diesem speziellen Repertoire beschäftigte, suchte Piers nach neuen Wegen, seinen Glauben an die Blockflöte als reizvolles und wandlungsfähiges Instrument auszudrücken. Es wurde also Zeit, ihn erneut zu befragen und zu sehen, wohin ihn seine Suche geführt hatte. In seinem vollen Terminkalender sind in diesem Jahr nicht weniger als vier Aufenthalte in den USA vermerkt, und anders als 1994, als wir uns zu einem ausführlichen Gespräch treffen konnten, war das jetzige Interview nur per e-Mail möglich. Trotzdem hat es nichts an Unmittelbarkeit verloren.
Zunächst fragte ich Piers danach, welche Entwicklung das zeitweise umstrittene, aber immer anregend provokative Barock-Ensemble Red Priest seit unserem ersten Interview genommen hat.

Andrew Mayes: Red Priest besteht nun schon einige Jahre. Es ist sicherlich ein Barock-Ensemble von besonderer Art und von ganz eigener optischer und musikalischer Wirkung. Hatten Sie das bei der Gründung des Ensembles so geplant, und hat es sich dann erwartungsgemäß weiterentwickelt?
Piers Adams: Ja und nein. Als ich die Gruppe gründete, habe ich nicht darüber nachgedacht, wo das alles hinführen sollte. Ich wusste nur, dass ich einen ganz besonderen Klang und Zugang zu dieser Musik erreichen wollte, nur hatte ich bisher keine Musiker gefunden, die das mitmachen wollten. Meine Kollegen in der Britischen Early-Music-Szene fanden meine Art - na ja - ein bisschen abgehoben (einer beschrieb sie als "Parodie des barocken Stils", was ich eigentlich sehr nett fand), und tatsächlich hatte ich diese Richtung bereits verlassen, als ich auf eine Einspielung der italienischen Gruppe Il Giardino Armonico stieß. Dieses Ensemble hatte nicht nur den Klang, von dem ich seit Jahren geträumt hatte: aufregend in seiner barocken Klang-Rede, leidenschaftlich, perkussiv, sondern das ganze war auch noch von wirtschaftlichem Erfolg gekrönt. Das war der Auslöser, es mit neuer Energie noch einmal zu versuchen.
Die Entwicklung der Gruppe über das anfängliche Klangkonzept hinaus zu etwas mehr Theatralisch-Kreativem kam dann ganz von allein und hat in mancher Hinsicht ein Eigenleben gewonnen. Zu Anfang hatte ich mir kein Vierer-Ensemble vorgestellt - bei unserem Debütkonzert waren wir 10 Spieler, mit Schwerpunkt auf der Konzertliteratur - aber es stellte sich schnell heraus, dass ein kleinerer Kern von engagierten Musikern größere Chancen hatte, etwas Überzeugendes und Originelles auf die Beine zu stellen. Ein Ergebnis dieser Kräfteeinsparung ist, dass wir jetzt stark auf eigene Arrangements und Transkriptionen vertrauen und von den typischen (und abgedroschenen) Triosonaten wegkommen. Das Schöne an der Arbeit mit solch fantastischen und aufgeschlossenen Musikern ist, dass es keine "Stil-Polizei" gibt und dass nicht mit harten Bandagen gekämpft wird bei der Suche nach dem intensivsten musikalischen Ergebnis. Das ist sehr befreiend und vermittelt ein Gefühl für den Geist des Barock, sogar wenn wir uns ganz bewusst davon entfernen.
Andrew Mayes: Demnächst wird eine neue CD des Ensembles erscheinen. Was tun Sie, um die Wirkung des Live-Auftritts auch im Aufnahmestudio zu erzeugen?
Piers Adams: Von Tonstudios haben wir die Weisheit, dass, besonders bei Alter Musik, allzu große Feinheiten beim Spiel auf der CD "nicht rüberkommen". Mit anderen Worten, man wird also von manchen Produzenten und Kritikern aufgefordert, im Studio das Spiel "einzuebnen" und zu akzeptieren, dass eine Einspielung auf Tonträger künstlerisch etwas ganz anderes ist als ein Live-Auftritt. Gegen diese Einstellung wehre ich mich heftig, und ich bestehe darauf, dass vor dem Mikrophon nichts weggelassen wird. Wenn überhaupt, dann sollte man musikalisch eher noch weiter über die Grenzen hinausgehen, was die musikalische Geste, den Ansatz, die Klangfarbe und Effekte betrifft, um das fehlende Visuelle einer Aufführung wettzumachen.
Andererseits kann eine Aufnahme manchmal ein unbarmherziger Spiegel sein, der einem vor Augen führt, dass selbst bei dem Versuch, das musikalisch Unmögliche zu schaffen, Selbstverständlichkeiten wie die Präzision beim Zusammenspiel und bei der Intonation zwingend sind. Das ist ein Hochseil, auf dem wir von CD zu CD besser balancieren lernen.
Unsere zweite CD Nightmare in Venice ist im Vereinten Königreich gerade herausgekommen, ein Programm von schauriger, unwirklicher Musik, inspiriert von Vivaldis La Notte. Und wir sind gerade dabei, unsere Version der allgegenwärtigen Vier Jahreszeiten (zusammen mit dem Weihnachtskonzert von Corelli) aufzuzeichnen, als Ergebnis von einigen Monaten Probenarbeit, Organisation und Konzerten und etlichen Neuanfängen. Ein so bekanntes Werk einzuspielen, hat seine eigene Herausforderung, aber ich kann sagen, dass es großen Spaß gemacht hat.
Andrew Mayes: Ich denke an Ihre CD "Shine and Shade" zurück, auf der Sie einige Stücke interpretierten, die von Carl Dolmetsch uraufgeführt worden waren: Unter den Uraufführungen in der Wigmore Hall gab es auch ein paar gute Stücke für dieselbe Besetzung wie Red Priest. Obwohl es sicher praktische Probleme bereiten würde, könnten Sie sich vorstellen, mit dem Ensemble dieses Repertoire anzugehen?
Piers Adams: Nein. Eines habe ich aus der Erfahrung gelernt: man muss klar definierte "Produkte" mit hohem Wiedererkennungswert auf dem musikalischen Markt platzieren. In gewisser Weise ist Red Priest ein solches Produkt. Sein Schwerpunkt ist die Barockmusik, und ein Verkaufsargument ohnegleichen (ein Begriff aus der Wirtschaftssprache, den mir mein Vater eingebläut hat) ist unsere ganz spezielle kompromisslose Herangehensweise. So geht's, und an Veranstalter verkauft sich das Ensemble praktisch von selbst. Ich glaube, dass das Dolmetsch-Repertoire und überhaupt die gesamte zeitgenössische Musik, nicht in dieses Bild passen, deshalb siedele ich diese Aspekte meiner Arbeit an anderen Orten an (wie z. B. mein Blockflöte-Klavier-Duo mit Howard Beach). Solche Überlegungen sind übrigens nicht Gegenstand der Ausbildung an Musikhochschulen, und ich habe vielversprechende Spieler gesehen, die aufgrund ihres diffusen Marketings hinter ihren Möglichkeiten oder ganz auf der Strecke blieben.

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