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Sonntag, 25. Juni 2017

[Jacques offenbach: Hoffmanns Erzählungen]

Musikzeitschriften im Portrait: Österreichische Musikzeitschrift

Jacques offenbach: Hoffmanns Erzählungen

Entstehungsgeschichte und derzeitige Quellenlage

von Heinz Heinzelmann, aus: Österreichische Musikzeitschrift 7/2003

Les Contes d'Hoffmann bilden im Weltrepertoire der erfolgreichsten Musiktheaterwerke einen wahrhaft aufregenden Sonderfall. Es gibt unvollendet hinterlassene Opern, die postum aufführbar gemacht wurden, man denke nur an Chowantschtschina, Turandot oder Lulu. Aber nur bei den Contes d'Hoffmann lässt sich der Anteil der Vollender nicht säuberlich von dem des eigentlichen Schöpfers abgrenzen. Noch schlimmer, diese Vollender oder Bearbeiter haben oft, freiwillig oder unfreiwillig, den Zugang zu den originalen Quellen verstellt.
Es gibt nicht wenige Opern, die ihren Weg ins Weltrepertoire in postumen Bearbeitungen fanden, wie L'Incoronazione di Poppea, Così fan tutte, Idomeneo, Boris Godunow, Carmen. Inzwischen aber liegen alle in philologisch korrekten Ausgaben vor und die Bühnenpraxis bedient sich der Originaltexte auch dann, wenn sie Adaptionen und Regiefassungen für nötig hält. Hoffmanns Erzählungen jedoch konnten infolge einer desolaten Quellenlage bis vor kurzem überhaupt nicht originalgetreu aufgeführt werden, und selbst jetzt setzt sich vielerorts die alte Praxis fort, dass gerade dieses Werk zur freien Beute für den Zugriff der Inszenierungsteams wird.
Oder sollten wirklich - wie Konservatisten meinen - erst die nachträglichen Bearbeiter für den Verlag Choudens aus dem unfertigen Torso eines seiner Aufgabe nicht völlig gewachsenen Komponisten die Erfolgsoper destilliert haben, die noch in verkorksten und entstellenden Aufführungen triumphieren, zumindest faszinieren kann? Verdient das beunruhigende Werk nicht gerade deshalb eine genaue Prüfung und Optimierung der editorischen Situation?

Quellen, neu gefunden, erst erschlossen

In den letzten Jahren und Jahrzehnten hat sich die bisher desolate Quellenlage fast wie durch ein Wunder verbessert. Aus Privatbesitz kamen umfangreiche und unschätzbare Konvolute von musikalischen Manuskripten in die öffentliche Hand oder zur Veröffentlichung, fast alle autograph oder von den dem Komponisten zuarbeitenden Kopisten, teilweise auch von Ernest Guiraud, dem postumen Mit-Autor. 1941 ersteigerte die Bibliothèque de l'Opéra die Druckvorlage zur ersten Partiturausgabe des Antonia-Aktes (und des "Nachspiels"), die im Wesentlichen aus Autographen Offenbachs besteht. Antonio de Almeida, der bekannte Offenbach-Forscher und -dirigent, entdeckte im Besitz des Offenbach-Enkels Cusset einen ganzen Bestand von Skizzen und die Druckvorlage zum Giulietta-Akt (die infolge der zahlreichen Umarbeitungen kaum autographes Material enthält), dazu wichtige Libretto-Manuskripte Barbiers. Diese "Cusset-Manuskripte" standen Fritz Oeser bei seiner Ausgabe (1977) zur Verfügung.
1984 wurde bei Sothebys ein weiterer Bestand versteigert und von der Frederick R. Koch-Foundation erworben. Zwei vollständige, bisher unbekannte Nummern und zahlreiche andere Autographe von ausgeschiedenen Stellen verdoppelten unser Wissen von Offenbachs Komposition und bildeten die Basis einer neuen Ausgabe von Michael Kaye. Es handelt sich um Unterlagen, die der Direktor der Oper Monte-Carlo, Raoul Gunsbourg, oder einer seiner Mitarbeiter 1904 bei der Vorbereitung einer Aufführung benutzte. Gunsbourg behielt sie; sie wurden - was wie ein Wunder erscheint - mit seinem Nachlass in dem ihm gehörenden Schloss Cormatin in Burgund gefunden und von Antonio de Almeida in ihrem Wert erkannt. 1993 wurde aus gleicher Quelle das Autograph des Finales zum Giulietta-Akt angeboten.
Es wurde von Yves Josse erworben, der Jean-Christophe Keck mit der Edition beauftragte. Eine Veröffentlichung wurde nach dem Tod von Josse nicht realisiert. 1998 erwarb der Musikverlag Schott eine Kopie dieses Autographs und veröffentlichte sie im Rahmen der bei ihm als Aufführungsmaterial verlegten Kaye-Ausgabe. Diese fast explosionsartige Vermehrung unseres Wissens über die Musik, die Offenbach für seine Contes d'Hoffmann vorsah, hätte jedoch noch keine Sicherheit über die Gestalt der gesamten Oper geliefert. Eine Opéra comique besteht nicht nur aus den Musiknummern. Mehrere der jetzt gut belegten Nummern widersprachen sich, ja schlosssen sich gegenseitig aus. Der intendierte Handlungsablauf und damit die Sinngebung der Oper, selbst ihre Dramaturgie waren nicht genau zu erschließen. Diese Unsicherheit beendete eine eigentlich seit Jahrzehnten öffentlich zugängliche, aber nie konsultierte Quelle. 1987 fand ich sie in den Pariser Archives Nationales: das "Zensurlibretto". Akt IV und V mit ihren besonders wichtigen Informationen veröffentlichte ich 1988. Die Titelseite trägt den von Carvalho unterschriebenen Vermerk "à jouer au théâtre de l'Opéra comique 5 janvier 1881" und links oben den amtlichen Vermerk "6 janv 1881" sowie "2 février 81". Der Untertitel lautet "Drame lyrique". Das Datum vom 2. Februar 1881 (wohl einer zweiten Erlaubnis) entspricht der Voraufführung vom 1. Februar mit ihren gewaltigen Strichen und Umstellungen. Glücklicherweise wurde bei der Zensur das ausführlichere Libretto nicht durch das neue ersetzt. Diese Quelle dokumentiert, in welcher Form man Hoffmanns Erzählungen am 5. Januar 1881 geprobt und zur Aufführung vorgesehen hatte. Sie gibt also wie eine Momentaufnahme die dramaturgische Gestalt der Oper wieder, wie Offenbach sie bei seinem Tod kurz nach Probenbeginn am 5. Oktober 1880 hinterlassen hatte und wie sie inzwischen von seinen Nachlassverwaltern und den Repräsentanten des Theaters aufführbar gemacht worden war. Dass sie diese Situation stichhaltig belegt, ergab schon der Vergleich mit dem vorhandenen musikalischen Material. Vollends bestätigt wurde ihre Schlüsselrolle durch den späteren Fund des Giulietta-Finales mit genau dem Text des Zensurlibrettos. (17 Seiten mit Dokumenten und Bildern)

 

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