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Mittwoch, 24. Mai 2017

[Yundi Li]

Musikzeitschriften im Portrait: classix

Yundi Li

"Chopin war meine erste Liebe"

von Marc Hairapetian, aus: classix

(ungefähr 3 Seiten)

Obwohl er in seiner chinesischen Heimat wie ein Popstar gefeiert wird und in einem Werbespot mitspielte, hat er mit der MTV-Glitzerwelt nichts am Hut. Seine Stars heißen Chopin und Liszt - Robbie Williams und J.Lo kennt er nicht. Sagt er zumindest. Oder sie sind ihm einfach egal. Yundi Li studiert zur Zeit in der Alten Welt, bei Professor Arie Vardi in Hannover.

classix: Ist Hannover ein guter Ort zum Studieren?
Li: Absolut. Außer meinem Professor und ein paar Kommilitonen kennt mich dort niemand. Ich werde auf der Straße oder im Supermarkt von niemandem angesprochen. So kann ich mich vollkommen auf mein Studium an der Musikhochschule konzentrieren. In meiner Heimat oder in Japan wäre das undenkbar.
classix: Dort brauchen Sie schon Bodyguards, um sich frei zu bewegen?
Li: Ganz so schlimm ist es nicht. Vor und nach den Konzerten haben mich die Sicherheitskräfte ein wenig abgeschirmt, als einige weibliche Autogrammjäger sich nicht mehr von mir lösen wollten. In meiner Heimat sind die Leute bei künstlerischen Darbietungen oft sehr enthusiastisch. Das liegt daran, dass sie offene und herzenswarme Menschen sind - im Gegensatz zu einem im Westen weit verbreiteten Klischee. Ich freue mich natürlich über die Anerkennung der Fans, brauche aber nicht das tägliche Bad in der Menge.
classix: Das Image der "One-Man-Classic-Boygroup" haben Ihre Pressefotos allerdings eher unterstützt.
Li: Das will ich auch nicht abstreiten. Bei den Fotosessions zu meiner ersten CD hatte ich Sachen an, die ich privat nie anziehen würde. Diese eng anliegenden Muskelshirts und die weiten Schlaghosen gefielen mir im Nachhinein gar nicht gut. Die aktuellen Pressefotos zum Liszt-Recital spiegeln mein Wesen besser wider. Schlichte Eleganz in gedeckten Farben liegt mir eher. Ich mache mir sowieso nicht viel aus Mode.
classix: Keine anderen versteckten Leidenschaften?
Li: Doch: Ich habe einen regelrechten Handy-Tick! Die neueste Technik, die neuesten Geräte interessieren mich brennend. Außerdem spiele ich leidenschaftlich gerne Tischtennis - das teile ich mit vielen Chinesen. Wann immer sich die Gelegenheit dazu bietet, nutze ich sie. Auch im Studio, wo ich zwischen den Aufnahmen mit den Toningenieuren ein paar Partien zur Entspannung spiele. Die Deutschen haben ja mittlerweile mächtig aufgeholt, wenn man sich die Weltrangliste ansieht.
classix: Gibt es Dinge im Wesen der Europäer, die Sie gar nicht verstehen?
Li: Manchmal eine Form von Gefühlskälte und Reserviertheit, mit der ich auch in Deutschland Probleme habe. Deshalb telefoniere ich so viel mit meinen Verwandten und Freunden in China. Die Menschen in Europa wirken immer sehr beschäftigt, manche dabei aber auch verschlossen. Ich will nicht zu sehr verallgemeinern, doch wirkliche Freunde habe ich noch nicht in Deutschland - außer vielleicht meinem Steinway-Flügel!
classix: Den haben Sie sich selbst geschenkt?
Li: Ja, die 25.000 US-Dollar Preisgeld, die ich beim Chopin-Wettbewerb in Warschau gewonnen habe, fanden eine gute Verwertung.
classix: Wenn Sie nur einen einzigen Gegenstand aus Ihrer Heimat hätten mitbringen können, welcher wäre es gewesen?
Li: Keinen typischen. Es wäre wohl mein erstes Akkordeon gewesen.
classix: Wieso das?
Li: Als ich vier Jahre alt war, sah ich zum ersten Mal einen Akkordeonspieler auf der Straße. Seine Fingerfertigkeit beeindruckte mich enorm. Als ich später dieses seltsame Instrument in der Auslage eines Musikgeschäfts entdeckte, nervte ich meine Mutter so lange, bis sie es schließlich kaufte. Ich muss dazu sagen, dass meine Eltern völlig unmusikalisch sind. Aber sie ermutigten mich, den begonnenen Weg fortzusetzen. Das Akkordeonspielen war schwierig und belustigend zugleich, weil ich als schmächtiges Kerlchen fast komplett hinter dem Instrument verschwand. Dann kam das Klavier - zugegeben ein noch größeres Instrument. Während die anderen Fußball spielten oder sich prügelten, beschäftigte ich mit Chopin. Er war meine erste Liebe.

[weiter...]

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