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Dienstag, 21. Mai 2019

[Nach dem Ende der Trotzphase]

Musikzeitschriften im Portrait: Neue Zeitschrift für Musik

Nach dem Ende der Trotzphase

Komponieren in Österreich seit den 1980er Jahren

von Bernhard Günther, aus: Neue Zeitschrift für Musik 03/2002

(ungefähr 9 Seiten)

Ein kalter Abend im November 2001. Gerade haben die zu den Bludenzer Tagen für zeitgemäße Musik nach Vorarlberg gereisten Komponisten in der verschneiten Musikschule noch heiß diskutiert. Jetzt, im Konzertsaal der ehemaligen Remise, spielt Florian Müller in einem dreißigminütigen Kraftakt das Klavierstück akkor(d/t)anz von Clemens Gadenstätter. Die Betonwände werfen von allen Seiten flirrende Schallwellen zurück, in erstaunlicher Intensität und Differenziertheit trommeln die unregelmäßig repetierten und zergliederten Akkorde auf das Publikum ein. Und selbst abgebrühte Hörer zeitgenössischer Musik sind nach dem letzten Nachhall schlicht baff und eilen zur Partitur: «Was war das denn jetzt?» - Ein anderer Kommentar aus dem Publikum, im Herbst 2000, nach der allen Klischees von Orchesterklang und Orchesterliteratur widersprechenden Uraufführung von Peter Ablingers Quadraturen V in der Donaueschinger Baar-Sporthalle: «Das ist ja wohl ein Freak!»

Wer noch immer der Meinung ist, dass «diese Österreicher ja sowieso nichts Neues auf die Reihe kriegen» (das hatte Christian Ofenbauer noch 1994 in Darmstadt zu hören bekommen), hat ein bis zwei Jahrzehnte verschlafen. Es gibt in Österreich nicht nur erstaunlich viele Komponisten, Komponistinnen, Improvisierende, Elektroniker und sonstige MusikerfinderInnen,1 sondern sie lassen auch immer häufiger von sich hören. Allein bei den Donaueschinger Musiktagen wurde in den letzten zehn Jahren ungefähr so viel Musik aus Österreich vorgestellt wie im Lauf der dreißig Jahre zuvor. Und erfreulich häufig gelangen dabei nicht einfach «well made pieces» als Demonstrationen handwerklichen Könnens zur Aufführung, sondern profilierte, eigenwillige Ansichten bis hin zu selbstbewusster Roheit und Ungeschliffenheit.

Aber Halt! Solche Verallgemeinerungen sind natürlich sofort wieder zurückzunehmen, denn die Szenen in Österreich sind nicht zuletzt deswegen so erfrischend, weil sie auf keinen einfachen Begriff mehr zu bringen sind. Die Zeiten eines vorherrschenden «Nationalstils» sind überwunden. Auch die Suche nach der «Identität» hat mittlerweile stark nachgelassen: ein später Verlust, der wohl als historischer Gewinn zu werten ist, wurden doch - von der national(sozial)istischen Musikwissenschaft ab etwa 19252 über das von nationalem Pathos geprägte restaurative Musikleben nach 19453 und den Versuch der Koppelung von Hugo Wolf an die südsteirische Hügellandschaft um 19654 bis zur jüngeren Fremdenverkehrswerbung - KomponistInnen in Österreich allzu gerne mit Erbpflegern verwechselt und auf das Image der Kulturnation festgelegt. Die lang gepflegten Klischees - «das Österreichische in der Musik», «das heiter-musikantische Naturell», nicht zu vergessen der paralysierende Terminus «Musikland» - haben endlich Platz gemacht für Individualisten.

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