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Montag, 25. März 2019

[Der gordische Knoten]

Musikzeitschriften im Portrait: Musiktheorie

Der gordische Knoten

Felix Mendelssohn Bartholdy als Vorläufer der Moderne

von Ernst-Jürgen Dreyer, aus: Musiktheorie 01/2002

(ungefähr 15 Seiten)

"Die Gegenwart geht mit der Zukunft schwanger."
Leibniz

Jedes (tonale) Musikstück ist eine morphologische Einheit. Diese läßt sich im Bild des gordischen Knotens1 fassen. Ein Knoten ist eine Ein-heit, in der eine Vielheit (von Windungen) aufgehoben und bewahrt ist und zu deren gar nicht mehr aufzulösender Kompliziertheit doch etwas Einfaches - die mit sich selbst identische Schnur - "ineinsliegt". Der Faden, wie oft auch mit sich selbst ineinsgeschlungen, führt doch - wie der Faden Ariadnes aus dem Labyrinth ins Freie - notwendig an einen Anfang zurück: zum Ursprung der Mehrstimmigkeit. Der Ur-sprung der Mehrstimmigkeit - "zwei, die sich erlesen, / daß man sie als eines kennt"2 - west in jedem einzelnen tonalen Musikstück fort und ist ihm in rätselhaften Takten, die der Harmonielehre spotten, zu-weilen anzusehen. Der "Herkunft" im Gegenwärtigen soll der erste Teil unserer Mendelssohn-Analyse gelten; diese deute man als den Ver-such, den gordischen Knoten zu entflechten. Das Gleichnis von der Musik als gordischem Knoten wäre aber nichts wert, wenn es nicht eine zweite Art gäbe, mit dem Geflecht umzuge-hen, nämlich es durchzuhauen. Auch diese Alexander-Tat ist eigenar-tigen Partien namentlich der Klaviermusik des 19. Jahrhunderts abzu-lesen - Takten, in denen die pianistische "Exekution" gleichsam per Querschnitt das melisch-harmonisch Seiende in a-genetische Einhei-ten zerlegt. Zwar ist die Herkunft dieser a-genetischen Hälften meist leicht zu rekonstruieren (nämlich zu jenem lebendigen "Wesen, / das sich in sich selbst getrennt"3 hat), lehrreich ist es aber auch, die Resul-tate der Dekomposition ernstzunehmen und mit den Erscheinungen der Moderne zu vergleichen, die sich darin vorbereitet. Dieser Entste-hung der modernen Phänomene aus der pianistischen "Dekompositi-on" geht der zweite Teil unserer Mendelssohn-Analyse nach. Vorangestellt sind beiden Kapiteln einleitende Exkurse, deren erster, über den Querstand, den Aufsatz gegen ein bloß "harmonietechni-sches" Verständnis abgrenzt. Er ist ein Parergon zu des Verfassers musikmorphologischen Arbeiten.4

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