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Montag, 18. Januar 2021

[Vorwort]

Musikzeitschriften im Portrait: Musiktheorie

Vorwort

von Peter Cahn, aus: Musiktheorie 01/2002

Bedarf es der Begründung, wenn in einem Heft der Musiktheorie zwei Beiträge sich mit der so theorie-fernen Gattung der Oper befassen? Ein Zitat aus einer der letzten Arbeiten von Carl Dahlhaus könnte sie liefern: "Zu einer Formenlehre aber, die den dramatisch motivierten Varianten der klassischen Schemata - von der Suitenform über die Sonatenform bis zum Rondo - gerecht würde, gibt es, wie gesagt, nicht einmal Ansätze." Zu dieser Feststellung kommt Dahlhaus in einem 1989 geschriebenen Beitrag für das Cambridge Opera Journal, der jetzt auch in der ursprünglichen deutschen Version zugänglich ist.1 Es war der eigentümliche harmonische Aufbau des Quartetts aus Mozarts Idomeneo, der ihm diesen Stoßseufzer entlockte: "Nicht ein durch kontrastierende Themen markierter Tonarten-gegensatz, der eine in der Wechselwirkung zwischen Modulation und thematisch-motivischer Arbeit begründete Durchführung auslöst, sondern der Schwebezustand zwischen den Tonarten bildet die musikalische Substanz der Form: eine Substanz, deren dramatische Funktion unverkennbar ist." Dann folgt der oben zitierte Stoßseufzer und am Schluß die Forderung: "Die Operngeschichte muß, um ihrem Gegenstand adäquat zu sein, eine Geschichte dramaturgischer Ideen in Relation zu musikali-schen Formprinzipien werden ..."
Die traditionelle Vernachlässigung der Gattung Oper durch die Musiktheorie hat gewiß ihre Gründe, zum Teil sogar gute Gründe. Sie liegen einerseits im Wesen der Oper, also in der Sache selbst, ande-rerseits aber in der vornehmlich an Instrumentalmusik orientierten Geschichte des Faches und seiner prägenden Persönlichkeiten. Daß Musiktheorie mit dieser Tradition des Umgehens der Oper brechen möchte, zeigte zuletzt der Don Giovanni-Aufsatz von Laurenz Lütteken (Heft 2/2000); es wird sich auch im kommenden Heft (2/2002) zeigen. In diesem Heft befaßt sich Oliver Huck mit der Tonarten-disposition in Bizets Carmen. Die Zuordnung bestimmter Tonarten zu den vier Hauptpersonen und das damit gegebene funktionale Beziehungsgeflecht dient ihm dabei zur interpretierenden Deutung des Librettos. Der Verdi-Beitrag des Herausgebers geht dem Charakter und der architektonischen Funktion bestimmter Tonarten und Klangprogressionen Verdis nach.
Die Geschichte der Musik als eine Geschichte der Dissonanz - ob dieses Buch je geschrieben wird oder inzwischen bereits existiert? Ein Kapitel dazu könnte die Arbeit von Ernst-Jürgen Dreyer bilden, die den neuen Jahrgang eröffnet. Dreyer betrachtet - ausgehend von Mendelssohn! - dissonante Tonbeziehungen, an denen jeder Musiker seine heimliche Freude hat, aus der Sicht des Morpholo-gen: Er faßt sowohl Relationen zur frühen Mehrstimmigkeit ins Auge als auch das Entwicklungspoten-tial zu Moderne hin und hat zudem den pianistischen Aspekt im Blick. - Einen wenig vertrauten Zu-gang zu neuer Musik eröffnet Sabine Koch, indem sie eine Komposition Sofia Gubaidulinas in Bezie-hung zur Philosophie Merleau-Pontys setzt und so eine vertiefte Sicht auf die dialogische Struktur des Werkes bietet - ein Weg, der auch über das konkrete Beispiel hinaus Beachtung finden könnte. Axel Schröter gibt eine Einführung in das musikalische Denken des sudetendeutschen Komponisten und Musiktheoretikers Heinrich Simbriger und seine an Hauer anknüpfende Zwölftontechnik (vgl. dazu auch die Rezension von Schröters Verzeichnis der Werke Simbrigers im vorliegenden Heft, S. 73). Peter Cahn

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