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Montag, 20. Mai 2019

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Musikzeitschriften im Portrait: Neue Zeitschrift für Musik

"Sound Come Into Its Own"

Von der Selbstfindung amerikanischer Musik

von Peter Niklas Wilson, aus: Neue Zeitschrift für Musik 5/2001

(ungefähr 7 Seiten)

«In Amsterdam sagte einmal ein holländischer Musiker zu mir: Es muss für euch in Amerika sehr schwer sein zu komponieren, denn ihr seid so weit von den Zentren der Tradition entfernt. Ich musste antworten: Es muss für euch in Europa sehr schwer sein, zu komponieren, denn ihr seid so nahe an den Zentren der Tradition." (John Cage, 1)

"Originality cannot be a goal. It is simply inevitable." (Harry Partch, 2)

"Eine Art Minderwertigkeitskomplex"
"Die amerikanische Kunstmusik vom Ende des Bürgerkriegs bis zum Ende des ersten Weltkriegs wurde zum großen Teil von den Haltungen, den Idealen und den Ausdrucksweisen des Europa des 19. Jahrhunderts beherrscht, insbesondere Österreichs und Deutschlands. Fast alle unserer führenden Komponisten wurden von europäischen Einwanderern in die Musik eingeführt; sie erhielten ihre professionelle Ausbildung im Zuge von Europa-Aufenthalten, und wenn sie zurückkamen, wurde ihre Musik von Ensembles, Chören und Orchestern aufgeführt, die entweder von europäischen oder von in Europa ausgebildeten Dirigenten geleitet wurden."(3)

Ein ernüchterndes Fazit, das der amerikanische Musikhistoriker H. Wiley Hitchcock in seinem Standardwerk Music in the United States zieht. Ein Resümee überdies, das nicht erst aus sicherem historischen Abstand zu formulieren war, sondern bereits so manchem hellhörigen amerikanischen Komponisten des frühen 20. Jahrhunderts zu schaffen machte. So etwa Henry F. Gilbert. In einer Ausgabe des Musical Quarterly aus dem Jahr 1915 betrieb er Kollegenschelte: "Während das jubilierende Leben Amerikas lebhaft um sie herum pulsiert, wenden sie sich immer noch gen Europa, nicht nur der Technik halber (was richtig ist), sondern dabei auch unbewusst die europäischen Schönheitsideale absorbierend und reflektierend (was falsch ist)."(4)

Folglich propagierte Gilbert einen US-amerikanischen Nationalstil, der sich melodischer Elemente der afroamerikanischen Musik bediente, ähnlich wie sein Freund und Kollege Arthur Farwell, der nicht nur afroamerikanische, sondern auch indianische Elemente aufgriff - nicht zuletzt inspiriert durch Antonín Dvoráks Aufforderung an die amerikanischen Komponisten, sich der originär US-amerikanischen Musikformen anzunehmen. Dass es ausgerechnet ein Europäer war, der den Komponisten der Neuen Welt einen Weg zu einer spezifisch amerikanischen Musik wies, bestätigt einmal mehr die Europa-Hörigkeit, die Gilbert beklagte. In den Worten Farwells: "Ich habe mir Dvoráks Herausforderung zu Herzen genommen und mich mit Indianermusik beschäftigt, nicht mit der Vorstellung, sie oder irgendeine andere nicht-kaukasische Volksmusik in Amerika sei die Grundlage einer nationalen Kunst, sondern weil sie nur in Amerika existiert und weil ihre Entwicklung ein Teil meines Programms war, jede Form eigenständigen und charakteristischen musikalischen Ausdrucks zu fördern, der nur aus diesem Land kommen konnte."(5)

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