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Mittwoch, 22. Mai 2019

[Wegweiser ins 21. Jahrhundert?]

Musikzeitschriften im Portrait: Musiktheorie

Wegweiser ins 21. Jahrhundert?

Ernst Kreneks Idee einer musikalischen Axiomatik als Vorschlag zur Güte

von Peter Rummenhöller, aus: Musiktheorie

(ungefähr 21 Seiten)

"Hilf mir nur meine Rolle zurücklesen, bis zu mir selbst. Ob ich denn selbst wohl noch außer meiner Rolle wandle, oder ob alles nur Rolle, und ich selbst eine dazu."1

"In diesem Semester herrscht ein Andrang von verstorbenen Zelebritäten, wie er wohl selten beobachtet worden sein mag. Die Großen steigen vom Parnaß herab und stoßen einander ungeduldig weg, wie die Schatten in der Odyssee vor der Grube mit dem Schafsblut, um zur Entgegennahme der Gratulationen zurechtzukommen, denn wer in diesem Jahr seinen Gedenktag verpaßt, hat in dem Rummel wenig Aussicht auf nachträgliche Beachtung und kann leicht wieder fünfzig oder gar hundert Jahre warten, bis er wieder an die Reihe kommt."2 Mit diesen Worten leitete Ernst Krenek 1932 - einem Goethe-, Raabe- und Wilhelm Busch-Jahr - einen kurzen Aufsatz zu Joseph Haydn ein, dessen Geburtstag sich damals zum 200. Mal jährte. Ähnlich skeptisch gegenüber der Willkür von derlei Jubeljahren hätte sich Krenek auch im Millenniumsjahr äußern können angesichts des Rummels um die Gedenktage von Johann Sebastian Bach, Friedrich Nietzsche, Kurt Weill und nicht zuletzt auch seines eigenen 100. Geburtstags am 23. August 2000. Auch wenn der 1991 verstorbene Komponist mit ähnlich polemischen Bemerkungen nicht gespart haben dürfte, wurde aus diesem Anlaß seiner und seines Lebenswerks vielerorts gedacht: in Symposien, Ausstellungen, Konzerten, Gedenkartikeln, Katalogen, Publikationen und Rundfunksendungen vor allem in Österreich, Deutschland und den USA. Nun, da die zufällige kalendarische Aktualität verflogen und es um Krenek wieder ruhiger geworden ist, läßt sich von Neuem der Frage nach seiner tatsächlich ästhetischen und kompositorischen Aktualität nachgehen.

Am auffallendsten und gleichzeitig umstrittensten an Krenek ist, daß er im Laufe seines langen, 91jährigen Lebens etwa ein halbes Dutzend Mal seinen Kompositionsstil geändert hat. Wie kaum ein zweiter Komponist neben ihm hat sich Krenek bis ins höchste Alter durch sämtliche Musikstile und Epochen des 20. Jahrhunderts "hindurchkomponiert". Sein weit über 200 Kompositionen umfassendes Lebenswerk verrät ein waches und untrügliches Gespür für die jeweils neuesten kompositorischen Richtungen und Entwicklungen, weshalb Krenek gelegentlich zu einer Art Historiograph oder gar mit einem allenthalben zitierten, nie aber belegten Bonmot zu einer "one-man-history of 20th-century-music", also - bildlich gesprochen - zu einem Seismographen stilisiert wurde, der jedesmal dann ausschlug, wenn sich in der Musikgeschichte Richtungsweisendes ereignete. Weil er die verschiedenen Kompositionstechniken gleichsam wie ?Masken' oder ?Rollen' annahm und ablegte, drohte seine eigene kompositorische Persönlichkeit dahinter zu verschwinden. Seine häufigen stilistischen Wendungen oder "Sprachwechsel"3 - wie es Carl Dahlhaus einmal nannte - stellten schon in den 1920er Jahren Kreneks Zeitgenossen vor die Frage, ob er überhaupt als eigenständige und die Musik seiner Zeit maßgeblich prägende kompositorische Persönlichkeit gelten könne, oder ob er nicht vielmehr ein Komponist sei, der sich den jeweiligen musikalischen "Zeitgeistern" nur angepaßt hat, ohne selber entscheidende und originär eigene Impulse beizusteuern. Und auch heute noch prägt die Frage, ob Krenek nun mehr ein Getriebener oder selbst Antreibender der Musikgeschichte gewesen ist, die Auseinandersetzungen mit und um seine Musik. Allerdings hat der Streit seine einstige Polemik verloren und nicht mehr den Rang einer Schicksalsfrage, mit der über Gültig- oder Ungültigkeit seines Lebenswerks das Urteil gefällt wird. Vielmehr ist man neuerdings hauptsächlich um den Nachweis bemüht, daß es Krenek mit seinen wiederholten Stilwechseln zeitlebens darum ging, sich normativen oder dogmatischen Festlegungen zu widersetzen und die individuelle Freiheit in allen kompositorischen Wahl- und Entscheidungsmöglichkeiten zu sichern.

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