> > > > Leseprobe
Donnerstag, 6. August 2020

[Aus Liebe - Mit Freuden]

Musikzeitschriften im Portrait: Tibia

Aus Liebe - Mit Freuden

Zu einer neuen Interpretation von Bachs Arie aus der Matthäus-Passion

von Thiemo Wind, aus: Tibia

(ungefähr 11 Seiten)

"Aus Liebe, aus Liebe will mein Heyland sterben!" Diese Worte fassen den geistlichen Gehalt und die Bedeutung der Leidensgeschichte Jesu und damit auch den Hauptgedanken der Matthäus-Passion (BWV 244) Johann Sebastian Bachs treffend zusammen. Die Arie Aus Liebe (Nr. 49) verbindet eine Sopranstimme mit einem beweglichen Flauto traverso und einem Fundament von zwei Oboi da caccia.1 Der übliche Basso continuo fehlt, "Senza Organo" schrieb Bach obenan. Die emotionale Wirkung ist groß und wird noch dadurch verstärkt, dass die Arie von zwei beißenden Lasst ihn kreuzigen (Nr. 45b und 50b) umschlossen ist. Albert Schweitzer nannte die Arie zu Beginn des 20. Jahrhunderts "eine Ruhestation in der Aufeinanderfolge überlebhafter und malerischer Tonstücke", stellte dies aber - unter Verwendung romantisch geprägter Terminologie - selbst in Frage: "Wie Bach sich die Ausführung der Arie gedacht hat, ist zweifelhaft. Soll man sie friedvoll, verklärt singen oder mehr als Rhapsodie, mit einem gewissen Pathos in der Deklamation vortragen?"2

Die Nachwelt hat sich mit dieser Frage wenig beschäftigt: Heutzutage ist Aus Liebe mit einem Duft von Heiligkeit umgeben. Bach-Exegeten reservieren für die Arie ihre schönste Prosa und die empfindsamsten Adjektive. Gewöhnlich wird Aus Liebe als eine Meditation vorgestellt und dementsprechend ausgeführt. "Die Grundstimmung der Arie verbindet ein Gefühl inniger Zuneigung mit schmerzlicher Wehmut", schreibt z. B. Emil Platen.3 Diese Ansicht möchte ich im vorliegenden Beitrag zur Diskussion stellen. Ich bin der Auffassung, dass Aus Liebe primär eine positive Äußerung der Danksagung und kein Klagelied über das Sterben Jesu ist. Für die musikalische Interpretation hat das weitreichende Konsequenzen.

Mit Freuden

Ein wichtiger Schlüssel ist die sogenannte Köthener Trauermusik. Als am 19. November 1728 Bachs ehemaliger Arbeitgeber Leopold von Anhalt-Köthen starb, wurde der Thomaskantor mit dem Komponieren einer Trauermusik beauftragt. Am 24. März 1729 wurde sie in einer Gedächtnisfeier in der Köthener Jakobi-Kirche aufgeführt. Die Partitur dieser Trauermusik (BWV 244a) ist nicht überliefert, aber das Textbuch existiert noch. Bereits im 19. Jahrhundert haben Bachforscher auf gewisse Textparallelen zwischen der Matthäus-Passion und der Köthener Trauermusik hingewiesen. Kongruente Versformen, Reimschemata und andere Ähnlichkeiten führten zur nie widersprochenen Folgerung, dass hier von Mehrfachverwendung, also von Parodie, die Rede sein muss. Was in der Matthäus-Passion 'Buß und Reu' ist, erklang in Köthen als 'Weh und Ach'. 'Blute nur' stimmt mit 'Zage nur' überein, 'Erbarme dich' mit 'Erhalte mich'. Für beide Textdichtungen war Christian Friedrich Henrici alias Picander verantwortlich. Auch Aus Liebe hat solch ein Gegenstück: Mit Freuden. Die Analogie wird klar, wenn die beiden Texte nebeneinander gestellt werden:

[weiter...]

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7/8 2020) herunterladen (3000 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Ivan Zajc: Nikola Subic Zrinjski

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Edlira Priftuli im Portrait "Musikalisch praktizierte Ökumene"
Edlira Priftuli hat den Straßburger Wilhelmerchor zur historisch informierten Aufführungspraxis geführt

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links