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Freitag, 12. August 2022

[Überfliegertum und Einläßlichkeit]

Musikzeitschriften im Portrait: Musik & Ästhetik

Überfliegertum und Einläßlichkeit

Facetten musikkritischer Praxis

von Hans-Klaus Jungheinrich, aus: Musik & Ästhetik Juli 2000

(ungefähr 6 Seiten)

I.

Bernhard Grzimek, der populäre Zoologe der frühen deutschen TV-Tage, sprach gerne und eindringlich von schützens- und erhaltenswerten "Kulturdenkmälern". Damit ließen sich die vom Aussterben bedrohten Gorilla- oder Großwildarten ebenso verbinden wie selten gewordene Spinnen oder Schaben. Die damals ein wenig kurios anmutende Einführung eines ökologischen Kulturbegriffs scheint heute so selbstverständlich, daß darüber kaum noch debattiert wird. Etwa zeitgleich mit der bis in die entlegenen Feuilletons geleisteten Erweiterung des Kulturbegriffs rutschte die "Hochkultur" in eine ökonomisch-ökologische Krisenzone. Die Künste, vor kurzem noch wenn nicht die einzigen, so doch die stolzesten Repräsentanten der kulturellen Wirklichkeit, drohen den Status eines Restbestandes anzunehmen, verdrängt von vielerlei Formen zivilisatorischer Gestaltung und Aktivität: neuen Medien und raffinierten Events, einem breiten Fächer kommunikativer Phänomene zwischen Manipulation und selbstbestimmtem Informationsgebrauch, technischer Simulation und körperhafter Präsenz, Freizeitindustrie und individuellem Lifestyle. Ein arrogantes Verständnis von Kunst hielt sich schon immer auf Distanz zur "Kultur", einer tendenziell korrumpierten Sphäre, verfließend oder gar identisch mit den dubiosen Erscheinungen des "Kulturbetriebs", der "Kulturindustrie". Indes partizipieren die Künste bis zur Stunde vom erarbeiteten ökonomischen Reichtum der Gesellschaft, wenn auch nicht mehr so üppig und unumstritten wie in den prosperierenden Zeiten. Die Geldsorgen der Kunstinstitutionen sind schon auch Existenzsorgen. Es geht um die Geltung, den Weiterbestand der Künste in einer rasant sich modernisierenden Welt, zumindest um eine angemessene ökologische Nische für artifizielle Gorillas, Spinnen und Schaben. Um die Frage, ob die fortgeschrittenen Zivilisationen so etwas wie Kunst überhaupt noch gebrauchen können und was ihnen das wert ist. Und um die abgründige Vermutung, daß es künftig auch ganz ohne das gehen könnte, was wir heute als "Kunst" verstehen. Atavistische Erkenntnisformen wie Magie und Mythos sind mehr oder weniger ausgestorben, auch die Religionen schicken sich (trotz mancher Gegentendenzen) an, sich aus der neuzeitlichen Lebensrealität zu verabschieden. Läßt sich Kunst (ähnlich wie Ritus, Mythos, Religion) transformieren in andere Ausprägungen sinnlich-geistiger Lebensgestaltung, Lebensüberhöhung?

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