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Montag, 25. März 2019

[Eins, zwei, drei, vier]

Musikzeitschriften im Portrait: Neue Zeitschrift für Musik

Eins, zwei, drei, vier

Die kalendarische Musik der Hanne Darboven

von Stefan Fricke, aus: Neue Zeitschrift für Musik 5/2000

(ungefähr 3 Seiten)

Von "Malen nach Zahlen" zu sprechen schickt sich allenfalls im Hobbyladen. Anderswo bedeutet die Formulierung vernichtende Kritik, macht dem Artefakt und seinem Urheber den Garaus. Daran hat auch Andy Warhols Pop-Ikone "Do It Yourself (Seascape)" von 1962, mit der er die kreative, kommerziellen Vorgaben folgende Tat in den ästhetischen, gleichwohl ironisch gebrochenen Adelsstand hob, nichts ändern können. Anders ist es in der Musik, zumal in der neuen. Der Wendung "Komponieren nach Zahlen" haftet nichts Pejoratives an; vielmehr komprimiert sich in ihr ein wesentlicher Aspekt abendländischer Musikproduktion, wie die schon antike Intervallnumerik, die Zugehörigkeit der Musik zu den vier mittelalterlichen Zahlenwissenschaften, Proportionsdarstellungen und die zuweilen eingeschriebene Zahlensymbolik deutlich zeigen. Überdies kam über Dodekaphonie und Serialismus das Zählen selbst in die Musik, ganz zu schweigen von den mathematischen Fragestellungen, mit denen sich Iannis Xenakis, Karlheinz Stockhausen, Gottfried Michael Koenig und etliche andere in ihren Kompositionen beschäftigt haben, ohne dabei der Musik ihre begriffslose Sprachlichkeit zu nehmen.

Auch die Musik Hanne Darbovens basiert, wie überhaupt ihre gesamte Kunst, auf Zahlen. "Ich schreibe mathematische Prosa, ich schreibe mathematische Musik", formuliert es die 1941 in München geborene Künstlerin,1 wobei das Mathematische ihrer Kunst auf einfachen Rechnungen von Kalenderdaten beruht.

Die ersten solcher Zahlenoperationen entstehen Mitte der sechziger Jahre, als sie sich im Anschluss an das Studium an der Hamburger Hochschule für bildende Künste zwei Jahre in New York aufhält. Die Zahlenzeichnungen und Kalenderrechnungen sind begleitet vom intensiven tagtäglichen Schriftprotokoll ihres Tuns, ihrer Gedanken und Emotionen. 1968 kehrt sie nach Hamburg zurück, wo sie seither lebt und wo sie die begonnene Kunst-Mathematik verfeinert, Biografik und Arithmetik amalgamiert. Der Kalender mit ihren persönlichen Eintragungen und den vorgegebenen Jahres-, Monats- wie Tagesangaben wird ihr Hauptarbeitsinstrument. Eigenes Zeiterleben und sozial objektivierte Zeit ordnet sie durch Zahlenreihen, die sie per Quersummenbildung aus den Kalenderdaten gewinnt.

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