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Mittwoch, 14. November 2018

[Heute Sinfonie, morgen Tanzparty]

Musikzeitschriften im Portrait: Das Orchester

Heute Sinfonie, morgen Tanzparty

Deutsches Filmorchester Babelsberg - ein Porträt

von Brigitte Schmiemann/Wolfgang Thiel, aus: Das Orchester 10/2000

Sie spielen die Musik für Kinofilme wie Otto - Der Katastrophenfilm, Solo für Klarinette oder Meschugge, sorgen aber auch mit ihren Film-Livekonzerten dafür, dass der Stummfilm nicht stumm bleibt. Die Musiker des Deutschen Filmorchesters Babelsberg sehen sich in der Tradition von Ufa und DEFA. Da die Ufa-Spiel- und Kulturfilme der 30er und 40er Jahre oftmals einen recht hohen Musikanteil aufweisen, wäre die Vermutung nahe liegend, dass diese Filmgesellschaft wie die spätere DEFA für die Musikaufnahmen ein festbestalltes Orchester beschäftigte. Dem war aber nicht so. Vielmehr handelte es sich um ein Orchester, das für die Filmproduktionen um einen Kern von Musikern mit ausgesprochener Blattspiel-Begabung jeweils ad hoc zusammengestellt wurde.
Aber auch das DEFA-Sinfonieorchester entstand nicht zeitgleich mit der Gründung der DEFA. Es gab in Berlin ein bereits im Herbst 1945 neu aufgebautes Orchester, welches auf Honorarbasis und unter mehrfach wechselnden Namen (u. a. auch als "Grünauer Rundfunkorchester") seine Dienste dem Rundfunk und der DEFA anbot. So spielte es am 16. Mai 1946 unter dem Dirigat von Hanson Milde-Meißner anlässlich der feierlichen Lizenzübergabe durch den sowjetischen Oberst Tulpanow an den ersten DEFA-Direktor Hans Klering im ehemaligen Althoff-Atelier im Ortsteil Nowawes von Potsdam-Babelsberg. Und auch die Musikaufnahmen im erhalten gebliebenen Synchronatelier der Tobis-Filmkunst in Berlin-Johannisthal zum ersten DEFA-Film Die Mörder sind unter uns unter der Leitung des Komponisten Ernst Roters wurden von diesem Orchester unter äußerst primitiven technischen Bedingungen bestritten.
Doch seine offizielle Geburtsstunde als DEFA-Sinfonieorchester schlug erst 1952, nachdem der Rundfunk einen so genannten "Mantelvertrag" gekündigt hatte. Daraufhin übernahm die DEFA das Orchester zunächst halbvertragsmäßig, was für die Orchestermitglieder erhebliche finanzielle Einbußen bedeutete. Trotzdem verließen nur wenige Musiker das Orchester. Bald darauf wurde es jedoch von der DEFA mit vollem Vertrag als hauseigener Klangkörper übernommen.
Einen künstlerischen Aufschwung brachte die Anstellung des Dirigenten Adolf Fritz Guhl (1954-1957). Eine entscheidende personelle Zäsur bedeutete der 13. August 1961. Die Mauer vervollständigte die Politik der DEFA-Leitung, die schon seit den 50er Jahren versuchte, unter dem Politslogan der "Störfreimachung" die (teilweise bereits aufs Rentenalter zugehenden) Westberliner Orchestermitglieder ausnahmslos durch DDR-Bürger zu ersetzen. Am 22. Juni 1991 gab das DEFA-Sinfonieorchester unter der Leitung seines langjährigen Dirigenten Manfred Rosenberg sein Abschiedskonzert während der damaligen Musikfestspiele Sanssouci.
Nachfolger des aufgelösten DEFA-Sinfonieorchesters wurde das Deutsche Filmorchester Babelsberg. Künstlerisch erfolgreich, muss es sich mit großen finanziellen Problemen auseinander setzen. Aber Intendant Klaus-Peter Beyer konstatiert zunehmendes Interesse an orchestraler Filmmusik, vor allem Produktionen für Fernsehfilme entwickeln sich stetig. Sonst hätten wohl spätestens jetzt - nach dem verflixten siebten Jahr seit Neugründung des Klangkörpers - die Segel gestrichen werden müssen.
Das Deutsche Filmorchester Babelsberg, 1993 aus dem DEFA-Sinfonieorchester und dem RBT-Orchester hervorgegangen, ist etwas Besonderes. Auf schwierige Fälle abonniert, gilt das Orchester als einzige professionelle Formation in Westeuropa, die fast ausschließlich auf Filmmusik spezialisiert ist. Gefragt sind die 65 Musiker aber auch bei Anlässen wie Goethes Geburtstagsparty in Weimar, Presseball im Berliner ICC, Oscar-Verleihung in Hollywood, 100 Jahre Film-Feier in Lyon oder Deutschland-Tour mit Panik-Rocker Udo Lindenberg. Heute Sinfonie, morgen Tanzparty.
Flexibilität war von Anfang an genauso wichtig wie künstlerische Qualität, Flexibilität bei den Arbeitszeiten und notgedrungen auch beim Gehalt. Das Orchester richtet sich bei der Bezahlung nach den Vorgaben des TVK der DOV, jedoch zwei Tarif-Kategorien unter denen, die sonst für einen Klangkörper dieser Größenordnung (70 Stellen) Anwendung fänden. Dies übrigens in gemeinsamer Übereinkunft.
"Konflikte können nur auf der Basis der Einsicht gelöst werden. Die Ansprüche können ja nicht vergütet werden", berichtet Ingolf Börnchen (DOV-Delegierter). Dienste zu wechseln sei kaum möglich. Klar frage man sich immer wieder, wie weit die Flexibilität noch gehen dürfe. Dass der Lohn nicht gleichzeitig auch den künstlerischen Erfolg ausdrücke, sei zwar auf Dauer schon schwer zu ertragen. Teamarbeit, Gesamtleistung schweißen trotz Sorgen und Stress aber auch zusammen. "Es gibt den Betrieb noch, und er hat Erfolg. Wir setzen darauf, dass wir ein Unikat sind", bilanzieren die Musiker.
In Europa einmalig und doch permanent in seiner Existenz bedroht muss das Filmorchester auch acht Jahre nach seiner Neugründung mit diesem kräftezehrenden Widerspruch leben. Wie in jedem Jahr gibt es auch heute noch keine Zusage für die 2001-Förderung des Landes Brandenburg, ganz zu schweigen vom Land Berlin. Dies hat sich von Anfang an bezüglich der Finanzierung des Orchesters bedeckt gehalten. Berlin zieht sich darauf zurück, dass es sich um ein rein brandenburgisches Unternehmen handele, obwohl die Hauptwirkungsstätte, das Tonstudio an der Nalepastraße, in Berlin-Köpenick ist. Ohne die jährlichen 1,5 Millionen Mark Förderung des Landes Brandenburg hätte das Orchester nicht überlebt. Fast die Hälfte seines Nothaushaltes erwirtschaftet der Klangkörper ohnehin selbst - in Deutschland wohl einzigartig. Überflüssig zu erklären, dass das Ensemble an der untersten Grenze der Existenz wirtschaften muss. - Film-Live-Konzerte bieten die einmalige Chance gerade für junge Leute, zum alten Film ein anspruchsvolles Konzert mitzuerleben und so vielleicht einen Zugang zu sinfonischer Musik zu finden. "Ein fantastisches Instrument, um Jugendliche an Orchesterkultur heranzuführen", bestätigte Klaus-Peter Beyer. "Wir haben nicht nur Schinkel und den Alten Fritz zu bieten, wir haben auch die Filmwirtschaft und als kleines Beispiel unser Orchester. Doch ich würde mir wünschen, dass die Politiker die Chancen in der Medienwirtschaft klarer erkennen und besser für den Standort Berlin-Brandenburg nutzen." Auch bei der studiotechnischen Ausstattung half neben dem Staatsminister für Kultur, Michael Naumann, ausschließlich das Land Brandenburg. Nach entsprechenden Recherchen bei führenden Studios wie "Abbey Road" in London und der Skywalker Ranch (Post-Production Firma von George Lucas) in Kalifornien wurde neues Equipment angeschafft. "Die erste wirkliche Scoring stage auf dem europäischen Festland für orchestrale Musik - gekoppelt an hervorragende Aufnahmesäle, nicht nur für die Region Berlin-Brandenburg von großer Bedeutung, sondern auch über die Landesgrenzen hinaus von Interesse", schwärmt Beyer.
So ausgestattet kann das Orchester den stetig ansteigenden Anfragen der nationalen und internationalen Medienbranche selbstsicher begegnen und sich kontinuierlich künstlerisch weiterprofilieren.

 

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