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Montag, 20. Mai 2019

[Tempo und Terror]

Musikzeitschriften im Portrait: Neue Zeitschrift für Musik

Tempo und Terror

Die Skandale der Maschinenmusiker

von Eleonore Büning, aus: Neue Zeitschrift für Musik 3/2000

(ungefähr 8 Seiten)

Als er zu spielen anfing, bemerkte er, wie ein "Schweigen aus Stahl" über das Publikum kroch. Ein stählernes, stoisches Schweigen, so der Komponist George Antheil später in seinen Memoiren, dies sei die Keimzelle des Skandals. Wenn den Leuten gefällt, was sie hören, dann wurschteln sie weiter herum. Sie husten, rutschen hin und her, sie flüstern. Stattdessen aber, an diesem Oktoberabend in Paris: das Schweigen aus Stahl. Gefolgt von einer der Bewegung, erst ein Pfeifen, dann ein Knistern, und dann bricht ES los. Antheils Beschreibung der Uraufführung seines Klavierstücks "Mechanisms" liest sich fast so, als sei an jenem Abend des 4. Oktober anno 1923 im Théâtre du Champs Elysées in Paris das Publikum selbst zu einer Art Maschine geworden.

"In der Mitte der zweiten Sonate merkte ich, wie plötzlich eine scharfe, kleine Welle durch das Publikum lief. [...] Die Katastrophe blies mir ihren Atem in den Nacken. Doch die Katastrophe und ich waren bei Konzerten alte Freunde. Dies war Heimat für mich. Als mir das klar wurde, war ich plötzlich ruhig. Schließlich konnte ich mir immer noch den Weg hinaus freischießen. Ich hatte sogar noch Zeit, mir selber zuzuhören und zu denken: Meine Drüsen schalteten auf den vierten Gang. Mittlerweile rissen einige Leute auf den Rängen die Stühle heraus und warfen sie ins Orchester. Die Menschen kämpften auf den Gängen, schrien, klatschten, heulten, Pandämonium! Die Polizei griff ein und zahlreiche Surrealisten, Mitglieder der Gesellschaft und Menschen jeder Herkunft wurden verhaftet. Ich beendete die Sonate so ruhig wie ein Kohlkopf."

Kaum zu fassen, dass so eine brav durchpedalisierte Quartenakkordfolge die Leute noch zu Beginn unseres Jahrhunderts auf die Barrikaden gebracht haben soll. Längst gab es doch, von Debussy bis zu Strawinsky, durchaus archaischere, barbarischere, revolutionärere Klänge. Dazu ist "Mechanisms" von allen Maschinenmusik-Sonaten, die Antheil komponiert hatte, die wohl zarteste und leiseste. Allerdings hat der krachende Skandal, der sich im Jahr 1923 in Paris an George Antheils Vortrag von Klavierstücken wie "Mechanisms", "Sonata Sauvage" und "Airplane Sonata" aufheizte, ohnehin weniger mit der Musik selbst zu tun als vielmehr mit der Weltanschauung, die damit einherstolziert kam.

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