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Montag, 8. August 2022

[Gustav Mahler]

Musikzeitschriften im Portrait: Musik-Konzepte

Gustav Mahler

Durchgesetzt?

Mahler ist heute beim Publikum so beliebt, wie es vielleicht nur ein zuvor Verfemter, Bekämpfter, Verhöhnter werden kann. Zwischen Naserümpfen, gereizter Nichtachtung und Wut changierte die eigentümliche Ambivalenz, auf die das Komponieren des renommierten Dirigenten schon zu seinen Lebzeiten - und international - stieß. Diese Verlegenheit gegenüber einem der objektiv bedeutendsten Komponisten hielt sich nach seinem Tode hartnäckig. So hatten die Nazis der mehr oder minder ohnehin bestehenden Sachlage lediglich ein formelles Aufführungsverbot aus rassischen Gründen hinzuzufügen, das nach deren Wegfall, also nach der Befreiung 1945, spontan durch das freie Musikleben selbst verlängert wurde. Die Generation, die in jenen Nachkriegsjahren studierte, erinnert sich noch, wie anrüchig die bloße Nennung des Namens von Gustav Mahler an Musikhochschulen und sogar bei Teilen der jungen Avantgarde damals war.

Ein unheimliches Umkippen der öffentlichen Stimmung ins Positive brachten dann die beiden aufeinanderfolgenden Mahler-Jahre 1960 und 1961: der 100. Geburtstag und der 50. Todestag. Damals griff auch die Schallplattenindustrie erstmals in großem Umfang zu und durch. Dieser nicht undialektische Umschlag von Verrufenheit in Ruhm, der anfangs noch mit allen Begleiterscheinungen einer eher komplizierten Geburt behaftet war, bleibt denen unvergeßlich, die ihn erlebt haben, denn dem Werk wurde keineswegs von einem Tag auf den anderen, sondern im Verfolg einer langen, schmerzhaften Extraktion der kritische Stachel gezogen. Dabei entstand nicht weniger als ein nagelneuer Mahler: der durchgesetzte. Zehn Jahre nach dem Beginn dieses Treibens machte sich Carl Dahlhaus in seinem Aufsatz "Die rätselhafte Popularität Gustav Mahlers" aufsehenerregende Gedanken über das beunruhigende Phänomen - sehr zum Erstaunen von Henry-Louis de la Grange, des Papstes der Mahler-Biographik. Die Arbeit von Dahlhaus ist unterdessen gründlich verdrängt worden. Sie wurde nicht einmal in die Ausgabe der gesammelten Schriften des Autors aufgenommen, so daß es als bedeutsame Tat gelten muß, daß der vorliegende neue Mahler-Band der "Musik-Konzepte" sie endlich wieder zugänglich macht.

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