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Dienstag, 21. Januar 2020

[Das Phänomen der Zeitlosigkeit]

Musikzeitschriften im Portrait: Tibia

Das Phänomen der Zeitlosigkeit

Werner Heider zum 70. Geburtstag

von Silke Jacobsen, aus: Tibia

Die vier umfangreicheren Werke Werner Heiders für Blockflöte Katalog für einen Blockflötenspieler (1965), Musik im Diskant (1970), La Leggenda di Sant' Orsola (1981) und Gassenhauer (1984) haben bis heute, obwohl die erste Komposition inzwischen fünfundzwanzig Jahre zurückliegt, nichts von ihrer Faszination verloren. Ich möchte versuchen, mich am Beispiel der Leggenda diesem Phänomen der Zeitlosigkeit anzunähern. Diese Komposition für drei Tenorblockflöten weist reiche kulturgeschichtliche Querverbindungen auf. Sie basiert auf der mittelalterlichen Legende der heiligen Ursula, wurde durch die Darstellung des Bilderzyklus Vittore Carpaccios (1455-1526) inspiriert und in Zwölftontechnik komponiert. Die Legende schildert die Wallfahrt der Königstochter, welche, einem Prinzen versprochen, während dessen Übertritt zum christlichen Glauben mit einem Gefolge von Jungfrauen nach Rom pilgert. Ungeachtet ihres durch einen Engel im Traum vorhergesagten Martyriums tritt sie gemeinsam mit dem Papst die Rückreise an. In Köln, das von den Hunnen belagert wird, schlägt sie die Hand des heidnischen Hunnenfürsten aus und wird so mit den anderen grausam dahingemetzelt.

Das Werk hält sich in seiner Struktur an die Bilderfolge Carpaccios, so dass mit einer kleinen Veränderung aus Carpaccios neun Bildern zehn musikalische Szenen entstehen, welche die Geschichte der heiligen Ursula nachzeichnen. In diesem Prozess des Nachzeichnens wird jedoch nicht einfach "nacherzählt", sondern ein ästhetisch und atmosphärisch verwandtes Pendant geschaffen.
Heider lässt in seinem Werk die Mittelstimme als Hauptstimme agieren, welche so die Ursula mit zwei symbolischen Begleiterinnen darstellt. Hier gelingt gleich zu Beginn des Werkes das Kunststück, mit der seriellen Skala, ein aufgrund seiner Atonalität eigentlich eher sprödes Material, durch die verhaltene Dynamik, die weichen Artikulationen, die geschmeidige Verwebung mit den "Begleiterinnen", das menschliche pulsierende "Atmen" der Pausen und durch die Wahl der Instrumente die milde Anmut der Heiligen Carpaccios vollendet darzustellen. Und so sind alle Bilder in ihrer Stimmung meisterlich getroffen. So sei nur herausgegriffen die schwebende Botschaft des Traumes, die ihre "Unwirklichkeit" durch den Einsatz der Stimme erhält, die unheimliche Bedrohung bei der Ankunft in Köln, abgebildet durch die martialischen, in Tonhöhe und Dynamik permanent ansteigenden Tonrepetitionen, das grausame Niedermetzeln der Jungfrauen in den heftigen und hässlichen Ausbrüchen des Martyriums, in dem die Zwölftonskala fast unterzugehen droht, die herbe Statik der Beisetzung mit ihren an grausam verzerrte Orgelregister erinnernden multiphonen Akkorde und schließlich die Glorifizierung der Jungfrau, die mit einer den Beginn noch übertreffenden Milde gleichsam entschwebt.

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