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Dienstag, 27. Juni 2017

[Farbenhören]

Musikzeitschriften im Portrait: Musik & Bildung

Farbenhören

Wie man Synästhetiker unter seinen SchülerInnen erkennt

von Johannes Barkowsky, aus: Musik & Bildung 6/99

(ungefähr 6 Seiten)

Synästhetiker sind Menschen, bei denen die Stimulation eines Sinnes Empfindungen in einer zweiten Sinnesmodalität hervorruft. Solche Menschen hören beispielsweise einen Ton und haben als Reaktion darauf eine Farbwahrnehmung. Oder sie sehen ein Bild und spüren dabei einen bestimmten Geschmack auf der Zunge.

Im Folgenden werden einige Beispiele von Synästhesien vorgestellt, in denen der Hörsinn eine Rolle spielt. Ein Musiklehrer kann mit diesem Hintergrundwissen die Synästhetiker unter seinen Schülern besser verstehen und ihnen bestätigen, dass Synästhesien wohl seltene, aber hinlänglich bekannte Phänomene sind.

Es gibt Synästhesien zwischen den Sinnen Hören, Sehen, Schmecken, Fühlen, Riechen und Motorik. Wenn jemand einen Klang hört und mit dem Klang eine bestimmte Körperhaltung assoziiert, wäre das eine Synästhesie zwischen Hören und Motorik. Wer bei einem optischen Reiz zusätzlich zur optischen Wahrnehmung einen Geruchseindruck verspürt, muss nicht notwendigerweise auf einen Geruch wiederum mit einer visuellen Vorstellung reagieren. Man würde die Verbindung vom Sehen zum Riechen als eine Synästhesie bezeichnen und die vom Riechen zum Sehen als zweite eigenständige Synästhesie. In manchen Menschen sind mehrere Synästhesien vorhanden. Bei sechs Sinnesmodalitäten - Hören, Sehen, Schmecken, Fühlen, Riechen, Motorik - ergeben sich dreißig mögliche Kombinationen von Synästhesien. Eine Synästhesie zwischen den Sinnen Hören und Sehen in der Richtung vom Hören zum Sehen bezeichnet man als Farbenhören.

Es ist schwer zu einzuschätzen, wie viele Fälle von Synästhesie in der Bevölkerung existieren. Cytowich (1993) postuliert, es gebe etwa einen Synästhetiker unter 100.000 Menschen. Bei dieser Schätzung können nur sehr ausgeprägte Synästhesien gemeint sein. Milde Formen der Synästhesie dürften häufiger vorkommen.

Frühe Belege aus der Literatur
Carl Stumpf (1848-1936), ein in seiner Zeit bedeutender und sehr bekannter Psychologe, schildert Fälle von Synästhesie zwischen Tastsinn und Hörsinn: "Herr Prof. Zaufal [ein Mediziner], welcher Smetana zu Beginn seines offenbar von vornherein nervösen Leidens behandelte, erzählte mir auch, dass derselbe damals [...] von den unleidlichsten ordinärsten Melodien verfolgt wurde [...]. Ferner habe Smetana auf der Ohrmuschel ,Harfe spielen' können, indem die Berührung ihrer verschiedenen Teile Töne erzeugt. Über letztere Erscheinung gibt mir der Componist in einem zweiten Briefe folgende Auskunft: ,Ich sass einmal (in den ersten Jahren der Taubheit) gegen Abend auf einer Promenadenbank und streifte zufällig [...] meine Ohrlappen nur mit einem Finger. Darauf klangen im Ohre Töne, so kurz als der Schlag der Finger auf die Ohrlappen oder die äusseren Ohren war. Der Zustand hat aber nur wenige Jahre gedauert. Die Töne erklangen nur einzeln, nie ensemble, also f, g, c etc. Beide Ohren zum Klingen zu bringen war unmöglich. Am besten gelang das Tönen, wenn ich die untersten Ohrlappen kurz und leicht touchirte. Der Ton selbst war in der Färbung ähnlich der mezza voce gesungenen Bassstimme. Die Töne hatten keinen musikalischen Zusammenhang.' Auch diese seltsame Erscheinung steht nicht ganz isoliert [kommentiert Stumpf]. Henle erhielt [...] Gehörsempfindungen durch Streichen der Wange. Ich selbst [Stumpf] vernehme einen mehrmals rasch intermittirenden dumpfen Schall, wenn ich in etwas ermüdetem Zustande mit der Fingerspitze die Augen berühre. Selbst wenn die Berührung so schwach ist, dass ich sie noch gar nicht als Tastempfindung spüre, höre ich das Geräusch im Ohre völlig deutlich. Bei stärkerem Druck wird es stärker. Verschiedene Stellen besitzen verschiedene Empfindlichkeit; besonders eignet sich der äussere Augenwinkel."

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