> > > > Leseprobe
Sonntag, 28. November 2021

[Händel und Scarlatti]

Musikzeitschriften im Portrait: Musik & Ästhetik

Händel und Scarlatti

Zur Interpretation Murray Peraihas

von Sophie-Mayuko Vetter, aus: Musik & Ästhetik Januar 1999

(ungefähr 9 Seiten)

Händels Suiten klingen nicht von allein, ihre mit Bach verglichen einfache Struktur muß vielmehr als Stenogramm eines Textes aufgefaßt werden, der anspruchsvolles interpretatorisches Entgegenkommen erfordert. Vielleicht ist das der Grund, warum sie von Pianisten und Cembalisten unserer Zeit soviel weniger gewürdigt werden als diejenigen Bachs.

Ein solches Entgegenkommen kann entweder heißen, daß man den vorhandenen Strukturen höchste Aufmerksamkeit schenkt, gleichsam zwischen den Zeilen liest, was Peraiha -- beispielsweise in den Bereichen latente Polyphonie, Registrierung, dramaturgischer Aufbau -- meisterhaft versteht, oder ein phantasierendes Diminuieren notierter Strukturen in Gestalt von Trillern, Verzierungen bis hin zu Auszierungen gleichsam nur stenographisch angedeuteter Kadenzen und ganzer Sätze praktiziert. Letzteres vernachlässigt Peraiha wie die meisten seiner Kollegen. Hier ist vielleicht auch der Grund für seine Auswahl auf der CD zu suchen: Die Suiten II und III enthalten einen komplett von Händel ausgezierten Tonsatz, und in allen drei Suiten gibt es nicht einen einzigen Satz, der im erwähnten Sinne stenographisch notiert wäre (ein gutes Beispiel ist die Sarabande aus der Suite VII g-moll) und von daher zwingend die kompositorisch-improvisatorische Mitarbeit des Interpreten einforderte. Fangen wir bei den Trillern an: Sie sind bei Peraiha nur wenig modulationsfähig und werden trotz gelegentlicher Additionen zugunsten einer betonten Schlichtheit des Linearen im Hintergrund gehalten. Damit verlieren sie ihren spontan kommentierenden Charakter in bezug auf Melos und Harmonie. Zu dieser symptomatischen Askese gehört auch der Verzicht auf die Wiederholung größerer Abschnitte, traditionsgemäß ein weites Feld für die Improvisation. Mag dies in Klassik und Romantik weitgehend als Geschmacksache gelten, für den Barock ist der Verzicht auf improvisatorische Elemente ein Stilbruch. Allein, angesichts von Peraihas Stärke geradezu romantischer Gebärde -- der großangelegten Dramaturgie von Phrase zu Phrase, von Abschnitt zu Abschnitt und von Satz zu Satz -- beginnt man sich zu fragen, ob man die faszinierende interpretatorische Verbindung zwischen Mendelssohns Variations seérieuses und den Händelschen Suiten, die er zu ziehen vermag, der stilistischen Treue überordnen oder darauf zugunsten einer Wiederholungsarchitektur, die diese Besonderheit wohl nicht zuläßt, verzichten soll.

[weiter...]

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/12 2021) herunterladen (3500 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links