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Samstag, 27. Mai 2017

[Es kommt von Innen wie Magie. Ein Gespräch mit Hélène Grimaud]

Musikzeitschriften im Portrait: PIANOnews

Es kommt von Innen wie Magie. Ein Gespräch mit Hélène Grimaud

(ungefähr 11 Seiten)

Sie wirkt zerbrechlich, wenn sie die Bühne betritt, schlank, mit langem Hals. "Typisch französisch", möchte man über die heute 27jährige Pianistin Hélène Grimaud sagen, doch an ihr ist nur wenig wirklich typisch. Spätestens, wenn sie sich an das Klavier gesetzt und konzentriert hat, schwer zu atmen beginnt und hin und her wiegt, bemerkt man, daß das kraftstrotzenden Spiel dieser Pianistin nur wenig mit der zierlichen Gestalt gemeinsam hat.

Wir trafen die Pianistin am Rande einer Aufführungsserie in Frankfurts Alter Oper und unterhielten uns mit ihr.

PIANONews: Sie begannen das Klavierspiel mit neun Jahren. Die meisten Pianisten haben früher angefangen. War es zu diesem Zeitpunkt Ihr eigener Wunsch, mit dem Klavierspiel zu beginnen?
Hélène Grimaud: Es war eine Kombination aus verschiedenen Dingen. Meine Eltern suchten nach einer außerschulischen Beschäftigung für mich. Ich war in der Schule immer als erste mit den Aufgaben fertig und hatte nichts anderes im Kopf als meine Mitschüler zu ärgern. Ich war der Alptraum meiner Lehrer, denen ich permanent Fragen stellte, die keinen interessierten.
Außerhalb der Schule hatte ich andere Probleme: Ich war von Dingen besessen. So habe ich immer wieder dieselben Dinge nacheinander getan, ich war besessen von einem krankhaften Ordnungssinn, von Symmetrie in Dingen und so weiter. Meine Eltern hatten also das Gefühl, daß meine Energie kanalisiert werden müsse. Sie brachten mich zum Sport, zum Tanzen - aber all dies interessierte mich nicht. Als letztes auf der Liste meiner Eltern stand die Musik. So brachten sie mich in einen Grundkurs für Musik und die Dame dieses Kurses fragte meine Eltern, warum sie mich nicht Klavier spielen ließen. So begann alles … Ich war also sehr willig, es einmal auszuprobieren. Das Interessante ist, daß es nicht direkt meine Probleme löste, mich aber dahin brachte, daß ich bald selbst imstande war, meine Probleme zu lösen. Für mich hat sich dadurch bewiesen, daß es kein physisches Problem war, sondern eines im Kopf.
PIANONews: Es hört sich weniger wie ein wirkliches Problem an, sondern eher wie eine typische Überaktivität eines Kindes. War es wirklich ein Problem für Ihre Entwicklung?
Hélène Grimaud: Ich weiß nicht, wie sich alles entwickelt hätte, wenn ich nicht mit dem Klavierspiel begonnen hätte. Es war schon sehr besitzergreifend. Ich hatte Phobien; so konnte ich in der Schul-Mensa beispielsweise nicht mit den anderen Schülern in einer Reihe stehen, sondern versteckte mich hinter dem Kühlschrank. Wenn ich nachdenke - meine armen Eltern. Wenn ich nach Hause kam, habe ich erst einmal alles aus dem Schrank geräumt, und begann danach alles mit einem extremen rechten Winkel zu falten. Genau so, daß es bei einem Hemd denselben Abstand zum Kragen auf beiden Seiten hatte und so weiter und so weiter. Es war fürchterlich und ich konnte nichts anderes tun, als bis ich damit fertig war. Es hätte also zu einem wirklichen Problem werden können, wenn es so weiter gegangen wäre. So hat mir das Klavier also wirklich geholfen.
PIANONews: Wann kam der Wunsch für Sie, Musiker zu werden, das Klavierspiel zu einer Profession werden zu lassen?
Hélène Grimaud: Das passierte niemals. Ich denke, wenn man sehr jung das Spiel auf dem Klavier anfängt, dann trifft man niemals die bewußte Entscheidung, Musiker zu werden. Man kann die Idee haben, Pianist zu werden, aber selbst das war bei mir nicht der Fall. Niemand ahnt, was es heißt, diesen Beruf auszuüben, bevor er ihn nicht begonnen hat. Es passiert einfach.
Ich hatte sehr viel Glück mit meinen Lehrern. Das, was wirklich den größten Einschnitt bedeutete, war, daß mir meine Eltern erlaubten nach Paris zu gehen. Ich war 12 Jahre alt, also war das nicht selbstverständlich, es war eine große Sache. Und dann kam ich in die Klasse von Pierre Barbizet. Es war ein Abenteuer, bei ihm Unterricht zu haben: Er nahm sich viel Zeit, drei oder vier Stunden, und er erklärte Dinge anhand von anderen Künsten, Literatur und Kunst. Und wenn ich genau nachdenke, dann hat es wahrscheinlich mit ihm zu tun, daß ich meine psychischen Probleme in den Griff bekam. Ich verstand, daß das Spiel nicht mit den technischen Problemen zu tun hatte, mit denen man normalerweise die meiste Zeit verbringt. Er machte mir klar, daß es mit allem anderen zu tun hat. Wenn man an eine schwierige Stelle in einem Stück kommt, dann ist diese Stelle erst einmal deshalb schwierig, weil man denkt, daß sie schwierig ist. Man kreiert ein Signal in seinem Kopf, das sagt: Das ist schwierig. Wichtig aber ist es, seine Aufmerksamkeit auf die Phrasierung, die Klangfarbe und die Linie zu richten, die Musik selbst also. Wenn man daran denkt, was vorher und nachher kommt, dann gibt es keine Probleme.
PIANONews: Es scheint so, daß Sie selbst niemals wirkliche technische Probleme hatten?
Hélène Grimaud: Nicht wirklich. Ich denke, ich bin technisch nicht fantastisch, beispielsweise so wie Nelson Freire oder Martha Argerich, die anscheinend niemals üben müssen. Was in meinem Fall interessant ist, ist daß ich viel Vergnügen daran hatte, Liszt oder Rachmaninoff zu spielen, als ich jung war - also die Liszt Rhapsodien oder die "Etudes transcendentale" ???. Ich war begeistert von dem Gefühl, das das Spiel dieser Werke bei mir verursachte. Dann allerdings verlor ich vollkommen das Interesse an Stücken dieser Art. Eines Tages bemerkte ich, daß ich die Stücke mit mehr musikalischer Substanz und mit mehr Ökonomie an Bedeutungen mochte. Rein virtuose Werke verloren den Reiz.
PIANONews: So wandten Sie sich mehr den sanglichen, den Werken mit dem stark romantischen Gefühlen zu?
Hélène Grimaud: Genau. Ich ging fast chronologisch in den Musikgeschichte zurück. Ich spielte eine Menge Werke des 20. Jahrhunderts, als ich jung war. Dann kam ich an andere Werke, erkannte deren Wert. Ich denke, daß dies eine normale Entwicklung ist. Beispielsweise das zweite Klavierkonzert von Rachmaninoff. Ich war niemals ganz zufrieden mit meiner Aufnahme, ebenso wenig wie mit der von Ravels Klavierkonzert. Aber davon abgesehen, liebte ich es, dieses Rachmaninoff-Konzert oder das 3. Konzert von Prokofieff zu spielen, als ich jung war. In den vergangenen fünf Jahren habe ich den Spaß daran verloren. Ich spiele diese Konzerte, ja, aber sie hinterlassen bei mir immer ein unbefriedigendes Gefühl. Es gibt Pianisten, die dieses Repertoire niemals spielen, weil es einfach nicht ihrem Naturell entspricht. Andere wiederum, so wie ich, spielen diese Werke, wenn sie jung sind und lassen sie dann hinter sich und verbringen den Rest ihres Lebens mit anderen Stücken. Aber dann gibt es auch die besonderen Momente: Wie vor kurzem in Hamburg, als ich das Rachmaninoff Nr. 2 spielte. Es war besser als jemals zuvor, es kam also zu mir zurück. Und ich entdeckte plötzlich Dinge in diesem Werk, bei denen ich dachte: Ah - das ist es!
Es gibt immer Dinge, die längst in einem schlummern und dann plötzlich zutage treten.
PIANONews: Zurück zur Technik: Müssen Sie denn üben?
Hélène Grimaud: Ja, ich muß üben. Vielleicht nicht so viel, aber auch nicht weniger als andere Pianisten. Ich übe viel in meinem Kopf. Ich übe also nicht viel am Instrument. Das soll nicht heißen, daß ich es nicht nötig habe. Es heißt, daß das Üben im Kopf auch für die Technik sehr viel effizienter sein kann. Das ständige Wiederholen von Stellen am Klavier bringt nichts; wenn man eine genaue musikalische Vorstellung von einem Werk hat, dann muß man es nicht lange üben. Wenn man dieses Werk dann immer wieder am Instrument wiederholt, erreicht man nur das Gegenteil: Man baut Probleme auf, man verliert die Frische des Spiels, man verliert oftmals auch die Darstellung der Gefühle, die man ausdrücken will.
Ich kam irgendwann zu der Einsicht, daß man diese Arbeit auf einem anderen Wege vollziehen kann. Als ich 15 Jahre alt war, bereitete ich mich auf den Wettbewerb im Conservatoire in Paris vor. Und es gab da ein zeitgenössisches Werk im Programm. Ich war nicht sonderlich daran interessiert und übte es also gar nicht. Zwei Tage vor dem Wettbewerb realisierte ich, daß ich das Werk überhaupt nicht kannte und dacht: Hups, das kann ein Problem werden. Also setzte ich mich für drei oder vier Stunden hin, um es zu studieren, aber es war am Ende dieser Stunden nur marginal besser als zuvor. Und ich dachte: Das wird nicht gut gehen. Also versuchte ich etwas anderes: Ich machte das Licht aus und setzte mich in die Dunkelheit. Ich begann das Stück in meinem Kopf zu spielen. Immer wenn ich an den Punkt kam, an dem ich nicht mehr wußte, wie das Werk weiter ging, machte ich das Licht an und schaute nach. Dann begann ich im Dunkeln von vorne. Es dauerte also drei Stunden - aber am Ende dieser drei Stunden, kannte ich das Stück. Es war komplett in mir drin. Ich dachte: Das ist interessant. Schon damals verbrachte ich viel Zeit in Flugzeugen, da ich immer zwischen Paris und meinem Elternhaus in Aix-en-Provence pendelte. Am Anfang war es schwer, da man sich immer stark konzentrieren mußte, um die Umgebung zu vergessen; aber wenn man sich einmal an diese Methodik gewöhnt hat, dann kann man sie überall anwenden, egal wo man ist: Beim Autofahren, am Flughafen, im Flugzeug. Ich denke, diese Methode ist nicht nur gut für das Üben, sondern für alles. Es hält auch den Geist fit. Jeder könnte also davon profitieren, diese Methode anzuwenden.
PIANONews: Wie gehen Sie dann an ein vollkommen neues Werk heran?
Hélène Grimaud: Es gibt natürlich viele Werke, die man schon irgendwie kennt, vom Hören im Conservatoire, von einer Schallplatte, oder auch vom eigenen Spiel in jungen Jahren. Manches Mal ist es also ein Neu-Kennenlernen, es kommt also ganz darauf an. Normalerweise, wenn ich das Werk schon kenne, dann beginne ich im Kopf, bis ich nicht mehr weiter komme. Wenn ich es noch gar nicht kenne, dann ist es eine Kombination aus Arbeit im Kopf und am Instrument.
PIANONews: Sind da denn Einflüsse, die deutlich in Ihre Arbeit einfließen? Literatur, Kunst oder andere Dinge?
Hélène Grimaud: Nein. Ich habe dies getan, als ich jung war, in den Musik-Analyse-Klassen auf der Hochschule. Ich kann nicht sagen, daß es nicht wichtig ist. Es macht sicherlich einen Unterschied, über den Komponisten Biographien zu lesen, über den historischen Kontext und so weiter … Ich denke aber, daß diese Dinge wirklich unwichtig sind. Wenn ein Werk von innen heraus zu einem spricht, dann reicht das. Wenn diese Beziehung zwischen Dir und dem Werk nicht vorhanden ist, dann kann man dies auch nicht mit dem wissen um die Umstände, wann und warum es entstand, erreichen. Wenn man diesen Level der Beziehung erreicht hat, dann kann man diesen mit anderen Dingen aufwerten, indem man Wissen hinzu nimmt.
PIANONews: Aber ich denke, um diese Beziehung zu einem Werk zu erreichen, sind doch immer auch Einflüsse von Außen wichtig, oder nicht. Welche dieser Art Einflüsse von Außen sind für Sie ganz persönlich wichtig?
Hélène Grimaud: Diese Einflüsse beziehen sich aber dann auf die Musik im Allgemeinen, nicht auf ein bestimmtes Werk. Es ist wichtig für jeden jungen Menschen, der sich auf eine abstrakte Kunst konzentriert, daß er so viele Erfahrungen wie möglich sammelt. Es ist aber dennoch ein bißchen die Frage nach dem Huhn und dem Ei: Was war zuerst da? Es ist nicht gut, nur am Instrument zu arbeiten, von ihm besessen zu werden. Es kommt immer aus Dir heraus. Und das, was aus Dir selbst kommt, ist selbstverständlich durch Deine Erfahrungen beeinflußt. Und diese Erfahrungen kann man durch das Lesen, Besuche in Museen, das Lernen des Zuhörens und so weiter machen.
PIANONews: Am Konservatorium gab es einen Bruch in ihrer Entwicklung, als Sie dieses verließen, weil Sie nicht mehr an die Methodik dort glaubten. Gab es andere Entwicklungsbrüche, die diesen glichen?
Hélène Grimaud: Als erstes: Die Sache mit dem Konservatorium ist immer falsch interpretiert worden. Es gab Probleme zwischen einem meiner Lehrer und mir. Wir hörten auf, miteinander zu sprechen, da ich der Meinung war, ich wollte nun für mich alleine versuchen, einen Weg zu gehen. Es lag nicht daran, daß ich dachte, ich könnte nun alles besser ohne meine Lehrer. Das Gegenteil war eigentlich der Fall. Ich hatte immer tolle Menschen um mich herum, die mich auf die richtigen Fährten in der Musik gebracht haben. Ich wurde faul, da man sich um mich kümmerte. Ich war aber an dem Punkt, daß ich versuchen wollte, einmal ein Werk alleine für mich anzugehen, ohne daß ich es jede Woche jemandem vorspielen konnte, damit er mir Tips gab. Ich hatte das Gefühl, jeder, mit dem ich gearbeitet hatte, hatte mir bereits soviel Material mit auf den Weg gegeben, daß ich es nun auch allein versuchen konnte. Es war also keine Rebellion, auch wenn es einen Bruch bedeutete. Jeder Mensch hat natürlich einen anderen Charakter. Einige benötigen die ständige Hilfe, andere nicht, es kommt ganz darauf an, wie man sich fühlt. Ich würde allerdings nicht sagen, daß seither irgendein wichtiger Umbruch in meiner Entwicklung stattgefunden hat, der diesem gleichen würde. Ich denke, daß es seither eher ein konstanter Entwicklungsprozeß ist.
PIANONews: Gibt es heutzutage keine Person in Ihrem Leben, der Sie einmal privat ein Werk vorspielen, um ihre Meinung zu hören, zu hören, es ist o.k. oder es ist nicht in Ordnung?
Hélène Grimaud: Da stellt sich die grundsätzliche Frage: Was ist O.k. und was nicht?
PIANONews: Ich meinte eher, ein positives oder negatives Feedback.
Hélène Grimaud: Wenn man auf der Bühne ist, dann gibt es keine andere Person, die besser als man selbst weiß, so hätte es sein sollen, oder so hätte es sein können. Jeder Künstler kommt mit diesem geschärften Bewußtsein von der Bühne und weiß: Es war gut, oder es war nicht so gut. Wie es auf Menschen wirkt, ist eine andere Sache. Ich spiele nicht für Leute, weil ich nicht meine, daß es mir hilft. Ich würde es tun, wenn ich anders denken würde. Es gibt sicherlich Personen, zu denen ich gehen könnte, und sie fragen könnte: Kann ich das für Dich spielen. Was ich schätze ist, mit Künstlern zu sprechen - dabei lerne ich am meisten.
Den revolutionärsten Gedanken, den ich in den vergangenen Jahren bekam, war: Wie lange es dauert, die Person zu werden, die man sein will. Es ist erstaunlich. Die Leute sprechen immer von den besten Jahren im Leben: Von der Teenager-Zeit, den jungen erwachsenen Jahren - es ist furchtbar. Ich verstehe nicht, warum die Leute das sagen. Man weiß nicht, wer man ist, man weiß nicht, was man will, alles ist unsicher und so weiter. Natürlich ist alles aufregend, es ist halt eine Zeit, in der viel passiert. Aber was ist daran gut? Es ist nicht besonders befriedigend. Für mich habe ich erkannt, wie es sein kann, wenn man Menschen glücklich machen kann. Was mich begeistert, ist jede Art des Lernens und wie es funktioniert. Von welch kleinen Begebenheiten man lernen kann. Auch scheinbar unwichtige Dinge… So ist auch die Erfahrung wichtig, daß die Informationen, die mir mitgegeben wurden, als ich jung war, immer wieder aus meinem Gedächtnis kommen, und ich diese erst jetzt verstehe, in einem vollkommen anderen Zusammenhang. Eine Bemerkung, die Leon Fleisher hier oder dort über ein Stück machte, plötzlich verstehe ich es. Es ist, als würde jemand das Licht einschalten. Es ist etwas Universelles ...
PIANONews: Sie haben also niemanden, mit dem Sie heute studieren. Das kann also vor dem soeben erwähnten Hintergrund bedeuten, daß Sie eines zukünftigen Tages alle Bemerkungen der Vergangenheit im richtigen Zeitpunkt erkannt haben, aber Sie ja über die letzten Jahre keinen neuen Input, keine neuen Anregungen erhalten haben.
Hélène Grimaud: Aber das ist ja heute anders. Ein Konzertauftritt, eine Diskussion mit dem Dirigenten, all diese Dinge sind ja wieder neue Inputs für die Zukunft. Ich lerne dabei viel mehr als in einer Stunde Unterricht. Oftmals gehe ich dann nach einer solchen Erfahrung ans Instrument und die Dinge haben sich für mich grundlegend geändert, wobei ich nicht einmal sagen kann, woran dies liegt.
PIANONews: Welche Art Erfahrung bedeutet ein Live-Konzert für Sie?
Hélène Grimaud: Nun, man kommt eigentlich niemals wirklich glücklich von der Bühne. Es ist jedes Mal hart, weil man denkt, da oder dort hätte es anders sein können. Am meisten übe ich, wenn ich von einem Konzert komme. Genau dann hat man dieses extreme Bewußtsein, wie das Werk klingen sollte; dann will man diesen Gedanken, wie es hätte sein sollen, fixieren.
PIANONews: Es scheint so, als würden Sie die Zuhörer dafür nicht brauchen?
Hélène Grimaud: Nein, das stimmt nicht. Es ist anders, es ist wie bei einer Jagd. Die Zuhörer sind ein wenig so wie Wölfe hinter einem Zaun. Ihnen wird Futter gegeben. Der Künstler braucht dieses Gefühl der Gradwanderung, das Gefühl, daß man von einer Ecke herunterfallen kann. Früher dachte ich, warum mache ich das überhaupt, warum setzte ich mich diesem Risiko aus? Für Pianisten ist das sicherlich noch eine besondere Situation, da sie in der Regel zusätzlich das Risiko des Instruments haben. Sie spielen beispielsweise auf einem Instrument, das nicht so ist, wie es sein sollte. Es zerstört also die Vorstellungen. So zum Beispiel Rachmaninoffs Zweites. In diesem Stück ist es so leicht für ein Orchester, alles zu überdecken, zu laut zu spielen, den Klang nicht mit dem Solisten gemeinsam erscheinen zu lassen. Es zerstört die Seele der Musik, es zerstört die Möglichkeiten. Da überlegt man schon manches Mal, daß es vielleicht besser wäre, zu Hause zu bleiben, vor einem Mikrofon.
Aber dann kommt man vor ein solches Mikrofon - und so habe ich es immer empfunden - und es beginnt etwas wie eine Untersuchung. Man kann unterschiedliche Dinge versuchen und so weiter, es ist ein vollkommen anderer Prozeß, als bei einem Konzert.
PIANONews: Gibt es Kollegen, die Sie sich im Konzert anhören?
Hélène Grimaud: Natürlich, aber wenn man soviel auf Reisen ist wie ich, dann ergibt sich nicht immer die Gelegenheit. Wenn ich in New York bin, da habe ich natürlich viele Möglichkeiten in Konzerte zu gehen. Allerdings lebe ich außerhalb der Stadt und vermeide es oft in die Stadt zu fahren. Ich versuche, wenn ich nach Hause komme, meine Gangart zu wechseln, eine andere Seite meines Lebens aufzuschlagen. Ich versuche meine Kräfte neu zu sammeln.
Aber ab und zu gehe ich dann ins Konzert, wenn ich mich danach fühle, ohne daß ich mir jetzt ein bestimmtes Konzert aussuche. Es gibt also kaum Pianisten, die ich sehr bevorzuge: Ich mag allerdings Sokolov, Radu Lupu - aber auch da kommt es immer darauf an, was sie spielen ...
PIANONews: Gibt es Pianisten früherer Generationen, die Sie besonders schätzen?
Hélène Grimaud: Ja, Rudolf Serkin, Emil Gilels ... Gould - also das sind jedenfalls die ersten, die mir durch den Kopf schießen, es gibt sicherlich andere.
Aber gerade Serkin hat mir etwas gezeigt: Die Perfektion des Spiels - nicht technisch aber im Klang. Bei ihm beispielsweise klangen die Beethoven Sonaten einfach, was sie nun wirklich nicht sind. Und ich muß dazu sagen, daß die besten Konzerte, die ich je gehört habe, auch die schlechtesten waren. Da gab es so viele falsche Noten… Aber der Geist der Musik war da, der Pianist hatte das Risiko falscher Töne auf sich genommen. Und das ist das Wichtigste überhaupt. Das ist viel befriedigender als eine Aufführung, in der einfach jeder Ton technisch perfekt angeschlagen wird. Das bedeutet: Ein Konzert ist - auch für mich, nicht nur für den Zuhörer - DER Moment überhaupt; es gibt nichts davor oder hinterher. Es ist der wichtigste Augenblick überhaupt. Die besten Konzerte sind die, in denen alles in diesem Augenblick aus einem heraus kommt, von irgendwo ganz tief, genau in diesem Augenblick. Und die Klangfarbe stimmt, und alles an dieser Musik ist in diesem Moment dann wunderbar. Man selbst ist gar nicht dafür verantwortlich, sondern es kommt zu einem. Es ist ein großartiges Gefühl, ein Gefühl von Mystik und schwarzer Magie, die man so wohl nur in diesem Beruf erfahren kann. Es gibt kein Limit, keine Restriktionen, keine Richtlinien. Das ist einfach ein wunderbares Leben, wenn man das erfahren kann. Es ist einfach faszinierend ...
PIANONews: Sie sind Französin und viele Menschen würden erwarten, daß Sie französisches Repertoire spielen; aber das ist eigentlich nicht der Fall. Warum nicht, immerhin gibt es großartige französische Klaviermusik ...
Hélène Grimaud: Fantastische Werke gibt es. Ich habe viel davon gespielt - damals. Aber als ich einmal die Debussy Images spielte, hatte ich das Gefühl, ich säße auf einem Zug, der nicht in die richtige Richtung fährt. Ich mag diese Musik, aber sie spricht nicht mein Innerstes an. Vielleicht komme ich irgendwann zu diesen Werken zurück. Das heißt für mich: Wenn ich mich von einem Werk angesprochen fühle, dann spiele ich es, wenn nicht, dann lasse ich es. Bis jetzt habe ich mich also von den französischen Werken nicht so sehr angezogen gefühlt.
PIANONews: Sie spielen auch viel Kammermusik. Denken Sie, daß es wichtig für einen Pianisten ist, sich mit dieser Art von Zusammenspiel zu beschäftigen?
Hélène Grimaud: Es ist wirklich sehr wichtig. Ich habe manches Mal Pianisten als Kammermusiker gehört, da dachte ich: Diesen Musiker möchte ich einmal solo hören, der ist brillant. Und wenn man ihn solistisch hört, dann kann es sein, daß man enttäuscht ist. Das soll heißen: Es kommt immer darauf an, wie man sich als Musiker fühlt.
Ich selbst spiele eigentlich nicht genug Kammermusik. Ich liebe es gerade in Pausen zwischen Konzerten mit Orchester, dieses Repertoire zu spielen, und ich werde auch in der kommenden Saison häufiger Konzerte mit Kammermusik geben. Ich habe das Gefühl, daß ich es brauche, kann das aber nicht auf alle Pianisten verallgemeinern. Für mich ist es eine Brise Sauerstoff. Vor allem, wenn man bedenkt, daß das Klavier nicht ein so natürliches Instrument ist wie eine Violine oder ein anderes Instrument. Das Klavier ist ein Stück Maschine. Man sitzt davor, kommt wenig mit dem Instrument in Kontakt. Dieses Instrument ist unmusikalisch. Eigentlich ist es die Antithese von Musik. Und so können wir Pianisten eine Menge von Musikern anderer Instrumente lernen und dies vor allem im Kammermusikalischen.
PIANONews: Wenn man Sie auf der Bühne erlebt, kann man den Eindruck bekommen, Sie wären ganz weit weg, die Adern schwellen an, man hatte den Eindruck, Sie würden keine Luft bekommen.
Hélène Grimaud: Auf der Bühne fließt einfach das Blut schneller, das Herz beginnt zu rasen. Ich denke, das ist ein gutes Zeichen. Ich verstehe Pianisten nicht, die auf die Bühne kommen, sich einfach hinsetzen und zu spielen beginnen, ohne daß man bemerkt, daß es für sie etwas besonderes ist. Ich liebe Pianisten, die sichtbar eingenommen werden von der Musik.
In meiner Jugend sagten viele Leute, die mich spielen sahen: Oh mein Gott, fühlst Du Dich nicht gut, Du bewegst Dich so stark. Nein, es ist anders: Wenn man mich an der Bewegung hindert, dann fühle ich mich nicht gut, dann kann ich nicht spielen. Musik ist eine Sache, die lebt, eine die fließt. Der Körper übernimmt diese Lebendigkeit, spiegelt diese Bewegung der Musik wider. Für mich ist die Bewegung während des Spiels eine Art von Entspannung. Auch wenn ich körperliche Probleme habe, mir mein Rücken schmerzt, weil ich einen langen Flug hinter mir habe. Sobald ich am Klavier sitze, entspannt sich alles, streckt sich der Körper und die Schmerzen sind weg. Für mich ist das Wichtige, nicht statisch zu sein, denn die Musik ist auch keine statische Sache.
PIANONews: Diese permanente Bewegung scheint durch Ihr ganzes Leben zu laufen ...
Hélène Grimaud: Genau.
PIANONews: Wir haben nun gar nicht über Ihre Beziehung zu den Wölfen gesprochen, eine wichtige Sache in Ihrem Leben. Ich will auch nicht intensiv darauf eingehen, jeder weiß mittlerweile, daß Sie in einem Freigehege ein Wolfsrudel haben, um das Sie sich sehr kümmern. Warum gerade Wölfe, das würde mich interessieren.
Hélène Grimaud: Die Tiere geben mir als erstes eine Art Distanz zu meinem anderen Leben. Und ich finde, daß es ganz wichtig ist, auch ein anderes Leben zu haben. Das ist eine Sache, die ich auch den Agenten immer versuche klar zu machen. Sie fragen mich: Kannst Du nicht mehr Konzerte spielen? Ich sage oft nein. Allerdings würde ich das auch sagen, wenn es keine Wölfe und kein privates Leben gäbe, denn ich bin der Meinung, daß ein Musiker von den Phasen, einmal die Dinge langsamer anzugehen, profitiert. Jedes Konzert ist ein emotionales Erlebnis. Und wenn man es zu oft hat, dann kann diese Emotion verloren gehen, es wird eine Art Mechanismus. Und dann stellt sich tatsächlich die Frage: Warum sollte ich das machen.
Also, auch wenn es die Wölfe nicht gäbe, hätte ich ja auch ein Privatleben, würde mich um den Abfall, um die Dachreparatur oder all diese Dinge kümmern. Und das ist gut, denn das ist ein Grund des Lebens. Man kann nicht nur unterwegs sein, sondern muß auch ein privates Leben haben.
PIANONews: Kommen wir doch noch einmal auf die Wölfe zurück. Warum gerade Wölfe?
Hélène Grimaud: Als erstes: Viele Magazine haben so darüber geschrieben, als seien die Tiere ein Hobby. Das sind sie nicht, sie sind ein Teil von mir.
Warum Wölfe? Nun, diese Tiere sind ein Beispiel für eine Art, die extrem profiliert ist, ebenso wie Elefanten oder sibirische Tiger, die in einem sozialen Gefüge leben. Für mich verkörpern die Wölfe am besten die Beziehung von Lebewesen zur Natur. Sie sind in ihrem sozialen Gefüge dem Menschen ähnlicher als Affen. Zudem kann man sagen, daß die Wölfe Vorbild für die Menschen waren. Sie leben in kleinen Gruppen, ebenso wie die Naturmenschen, die Eskimos oder andere Ureinwohner es später taten. Man kann also sehr viel von ihnen lernen, über Kommunikation und das Verhalten zueinander. Doch für mich sind sie ein Vorbild dafür, wie wir mit der Natur und dem ökologischen System der Erde umgehen sollten. Das heißt, wenn eine Art versucht auf der Erde zu überleben, dann profitieren alle anderen Arten davon. Natürlich kann es ein Problem für den Menschen sein, Wölfe in der Natur zu haben. Der Mensch muß Kompromisse eingehen. Aber Wölfe sind sehr wichtig für die Balance im Ökosystem, das ist mir wichtig.
PIANONews: Aber Ihnen geht es vor allem um die Natur, um das Verständnis zwischen Natur und Lebewesen. Also hätten es auch andere Tiere sein können, Elefanten etwa?
Hélène Grimaud: Ja, aber manches Mal ist es das beste im Leben, daß alles durch Zufall geschieht. Und so ist es mit den Wölfen geschehen.
PIANONews: Danke für dieses interessante Gespräch, Frau Grimaud.

 

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