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Dienstag, 21. Mai 2019

[Eine verzweigte Szene]

Musikzeitschriften im Portrait: Neue Zeitschrift für Musik

Eine verzweigte Szene

Neue Musik im heutigen Berlin

von Habakuk Traber, aus: Neue Zeitschrift für Musik 6/99

(ungefähr 6 Seiten)

Neue Musik in Berlin - Neue Musik aus Berlin: Die Szene zeigt sich bunt, ist schwer zu überblicken und vollends nicht auf einen Begriff zu bringen. Am ehesten könnte man sie mit einem Rhizom vergleichen, einem Wurzelgeflecht mit Schubkraft, Chaospotenz und punktueller Vertrocknungsgefahr. Es reicht mit seinen Verästelungen bis in Kabarettanstalten, Musikschulen, Kirchengemeinden, Privatsalons und -scheunen. Soziologen würden dies wohl als Indiz für gesellschaftliche Verankerung werten.

Festspiele

Immer, wenn in den ungeraden Jahren der Winter kalendarisch dem Ende zugeht, findet in Berlin die Musik-Biennale statt, die siebzehnte war es 1999. Zwei Wochen Uraufführungen, Erstaufführungen, Rauminszenierungen, Multimediaprojekte und Gesprächsrunden junger oder jung denkender Komponistinnen und Komponisten bieten ein breites Spektrum des musikalisch Aktuellen, aus dem nur die religiös versunkene Neotonalität ausgespart bleibt.
Die Biennale ist ein Kind der DDR. 1967, im Vorjahr des Prager Frühlings und sechs Jahre nach dem Mauerbau, wurde sie zum ersten Mal veranstaltet. Aus der Leistungsschau für sozialistische Kulturinnovationen entwickelte sie sich zum internationalen Forum und Vorzeigeobjekt mit begrenzter, aber gezielter und wachsender Westöffnung. Parallel dazu wurden - seit den späten siebziger Jahren - die nonkonformen Künstler aus den osteuropäischen Ländern im Westen entdeckt. 1989 fand die zwölfte und letzte Biennale in der Hauptstadt der DDR, 1991 die dreizehnte und erste im vereinten Berlin statt. Seitdem wird das "Fest für zeitgenössische Musik" als selbstständige kulturpolitische Einheit unter dem Dach der Berliner Festspiele geführt. Gut und richtig aufgehoben ist die Biennale dort - in der Institution, die einst in West-Berlin als kulturpolitischer Motor und Trendsetter wirkte. Die Festspiele wurden 1951 als kultureller Frontstadtposten gegründet und in den siebziger Jahren auf das Konzept einer Drehscheibe zwischen Ost und West umgepolt. Kultur aus Osteuropa - Bildende Kunst, Musik, Theater - im westorientierten Teil Berlins zu zeigen, sah man als einen wichtigen Teil der Vermittlungsaufgaben an, obwohl politische Statusfragen die Einladung von Künstlern und Ensembles aus den Staaten des Warschauer Pakts bis in die Gorbatschow-Ära hinein erschwerten. Die Neue Musik zählte zu den selbstverständlichen Akzenten der jährlichen Festwochen. Sie fand sich in den Konzertprogrammen, gebündelt aber auch in den Komponistenporträts, die neben Luigi Nono, Wolfgang Rihm und György Ligeti auch Alfred Schnittke, Sofia Gubaidulina und György Kurtág mit nachhaltiger Langzeitwirkung bekannt machten. Insofern trafen sich 1989/90 zwei Tendenzen, die sich ohnehin aufeinander zubewegt hatten. Damit wurde auch eine Konsensbildung erleichtert. Die großen Umstrukturierungen in der Berliner Festspielszene werden in den nächsten Jahren anstehen, nach der Übergangszeit des "Zusammenwachsens". Ein Festival der Neuen Musik als integrierter Teil eines Festspielangebots dürfte dabei nicht grundsätzlich zur Disposition stehen. Man hat der Biennale vor Jahren einmal Berlinlastigkeit bei der Auswahl der Werke vorgeworfen. Die Behauptung hält einer gewissenhaften Analyse der letzten Dekade nicht stand. Bei den vier Festivals seit 1993 wurde die Präsentation des Gegenwartsschaffens durch eine Retrospektive auf die Neue Musik im geteilten Deutschland ergänzt: eine aufschlussreiche Reflexion der getrennten Wege, auf denen sich die Szene hüben und drüben auf das zu bewegte, was sie jetzt ist. Nach Jahrzehnten war der Rückblick gegliedert. Jetzt ist er abgeschlossen. 2001, im neuen Jahrhundert, wird es vorbei sein mit dem Abschreiten des gespaltenen Horizonts.

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