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Montag, 10. Dezember 2018

[Lampenfieber und Aufführungsängste sind nicht dasselbe!]

Musikzeitschriften im Portrait: Üben & Musizieren

Lampenfieber und Aufführungsängste sind nicht dasselbe!

von Prof. Dr. Helmut Möller, aus: Üben & Musizieren 5/99

(ungefähr 13 Seiten)

Vom Lampenfieber als kreative, leistungssteigernde Angst wird die Aufführungsangst unterschieden, die zu Leistungsminderung bis hin zu Spielblockaden führen kann. Die vorliegenden Forschungsergebnisse über Aufführungsängste lassen den Schluss zu, dass die Hälfte der Musiker und Musikerinnen unter den Auswirkungen von Aufführungsängsten leidet. Der Vergleich mit dem Vorkommen von Angst in der Bevölkerung ergibt, dass Musiker einem drei- bis vierfach erhöhten Risiko ausgesetzt sind, an den Folgen von Ängsten zu erkranken.
In den letzten Jahren sind verstärkt Anstrengungen unternommen worden, gesundheitliche Störungen bei MusikerInnen zu erfassen und ursachenbezogene Behandlungsmöglichkeiten zu entwickeln. Zu den vielen Fragen in diesen Bereichen gehören:

  • Wie lernt das Gehirn eines Musikers bzw. einer Musikerin?
  • Welchen Einfluss hat die persönlich-berufliche Entwicklung auf die Musikalität? Wie äußert sich Begabung?
  • Wie lernt der Musiker seine technischen Fähigkeiten zu verbessern?
Zunehmend werden auch psychologische Fragestellungen in die Forschung einbezogen:
  • Unter welchen spezifischen sozialen Bedingungen wachsen MusikerInnen auf?
  • Welchen psychomentalen Belastungen sind sie ausgesetzt?
  • Zeigen die beruflich-individuellen Entwicklungsverläufe bei professionellen MusikerInnen Besonderheiten auf?
Keine dieser Fragestellungen hat aber bisher so viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen wie das Phänomen der Angst bei öffentlichen Auftritten. In den zahlreichen Veröffentlichungen werden überwiegend Teilaspekte dargestellt.
Der vorliegende Artikel beabsichtigt, die Komplexität der Aufführungsängste darzulegen und auf Ursachen, Auswirkungen, Behandlungs- und Präventionsmöglichkeiten einzugehen. Ausgangspunkt ist dabei, "Lampenfieber" als fördernde, kreative Angst von der eingrenzenden, pathologischen "Aufführungsangst" abzugrenzen.

Was ist "Lampenfieber"?

Einer der größten Cellisten unseres Jahrhunderts, Pablo Casals, beschreibt diesen Zustand des Lampenfiebers: "Ich kann mich an mein erstes öffentliches Konzert in Barcelona noch gut erinnern. Mein Vater und ich fuhren mit der Straßenbahn zum Theater. Ich fühlte mich verstört, und ich hatte Angst. Plötzlich sprang ich von meinem Platz auf und schrie: ,Was soll ich tun? Ich habe den Anfang des Stücks vergessen, das ich spielen muß!' - ,Beruhige Dich, es wird schon alles gut gehen', antwortete mein Vater, um mich zu trösten. Oh, diese Aufregung, diese Angst. Nie, weder damals noch später, konnte ich sie loswerden. Glauben Sie mir: obwohl ich seitdem mehrere tausend Konzerte gegeben habe, war ich immer genauso aufgeregt wie beim ersten Mal. Sie können sich vorstellen, wie viele Künstler ich während meiner langen Laufbahn kennengelernt habe; bei allen scheint die nervöse Angst eine Selbstverständlichkeit zu sein. Es gibt nur wenige Ausnahmefälle... Aber ich kenne keinen Künstler, der so von Angst geplagt wäre wie ich. Manche meiner bevorstehenden öffentlichen Konzerte bedrücken mich wie ein Alptraum. Selbst heute noch." (Gespräche mit Corredor 1954)1
Die Schilderung Casals' beschreibt nichts Außergewöhnliches. Die Angst wird hier als eine universelle menschliche Erfahrung beschrieben, die auftritt, wenn man sich vor Zuschauer begibt, um ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Demnach ist diese Angst keine Neurose oder Folge gestörter Persönlichkeitsentwicklung oder gar Ausdruck schwerer intrapsychischer Konflikte. Casals nennt diese "nervöse Angst" eine Selbstverständlichkeit. Wir würden hier von Lampenfieber sprechen, einer physiologischen und psychologischen Voraussetzung zur Leistungsoptimierung. Diese ist abzugrenzen von der Angst, die Leistung einschränkt oder sogar verhindert. Sie wird im Folgenden als Aufführungsangst bezeichnet.

[weiter...]

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