> > > > Leseprobe
Montag, 22. April 2019

[Gruselmusik]

Musikzeitschriften im Portrait: Das Orchester

Gruselmusik

Abseitiges und Bedrohliches als Thema von Kompositionen

von Günter Buhles, aus: Das Orchester 11/99

(ungefähr 19 Seiten)

Die Kunst, gleich in welcher Form, bietet Anlässe des inneren Erlebens, Orte der Erregung, Mittel der Läuterung. In der Literatur erfährt der Leser die Welt und dabei sich selbst, die bildende Kunst öffnet die Augen und lehrt das Betrachten. In der Musik werden Emotionen - des Glücks, der Trauer, der vorwärts und rückwärts gerichteten Innensicht - geweckt. Das Theater bringt das Leben auf die Bühne. Und wo das Spiel von der Musik unterstützt wird, also vor allem in der Oper, aber auch im Film, wird der Nachvollzug gedachter Ereignisse besonders plastisch und packend. Mehr Empfindungen als nur die der Freude und des Leids haben da ihren Platz: Der Katharsis, der inneren Reinigung, müssen oft sogar Schrecken und Schauder vorausgehen. Das Abseitige, das Entsetzliche - eben zu diesem Zweck - darzustellen, ist seit jeher ein besonderer Anreiz für Künstler, sei es jetzt aus eigener psychischer Notwendigkeit oder aus der Absicht, Aufmerksamkeit oder Wirkung beim Publikum zu erzielen. Dies gilt also auch für die Komponisten, wenngleich es ein Fach "Gruselmusik" natürlich nicht gibt. Doch die Mittel und Methoden, mit Musik Spannung, Gänsehaut oder gar Erschaudern zu provozieren, einmal genauer zu beobachten, ist interessant. Darum soll es hier bei der Betrachtung von Beispielen aus verschiedenen Epochen und Bereichen gehen. Und gleichzeitig kommt ein wichtiger, im Grunde musikphilosophischer Aspekt ins Blickfeld, dessen Erörterung in breiterem Umfang erst in den letzten Jahren begonnen hat, nämlich die Frage: Was ist Romantik in der Musik - und was Realismus?1

Programmmusik und romantische Tendenzen
Indem dieser Diskurs im Ergebnis darauf hinausläuft, den Begriff "romantische Musik" allgemein enger zu fassen und stattdessen viel öfter - etwa in Fällen, für die sich die Stilbezeichnung Spätromantik eingebürgert hat, zum Beispiel für das Werk von Johannes Brahms2 - von Realismus zu sprechen, wird die Frage auch für unser Thema relevant. Zweifellos hat die Darstellung des Schreckens (oder auch nur der Bedrohung) durch Klänge, die stets ja ein "Programm" zu erfüllen sucht, meist etwas mit romantischen Tendenzen in der Musik zu tun. So finden sich etwa in Opern - von Carl Maria von Webers Freischütz von 1821 und Heinrich Marschners Vampyr von 1828 über viele Szenen in Richard Wagners musikalischen Dramen bis zu Salome und Elektra aus den Jahren 1905 und 1908 von Richard Strauss - und mehr noch in sinfonischen Dichtungen wie Till Eulenspiegel und Don Quixote Elemente, die auch bei Vertretern der Realismus-Theorie als romantisch gelten. In den folgenden Betrachtungen wird es aufschlussreich sein, diesen Gedanken beim Anhören von Musik aus früherer oder auch wesentlich späterer Entstehungszeit nicht zu vergessen, ohne allerdings in ein Schubladendenken zu verfallen.

[weiter...]

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (4/2019) herunterladen (1559 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Peter Tschaikowsky: Grande Sonate G-Dur op.37 TH 139 - Moderato e risoluto

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige