> > > > Leseprobe
Freitag, 22. März 2019

[gedehnte augenblicke - verkürzte wege - gehörte bilder]

Musikzeitschriften im Portrait: Neue Zeitschrift für Musik

gedehnte augenblicke - verkürzte wege - gehörte bilder

zeit und raum im musiktheater

von Jürgen Kanold, aus: Neue Zeitschrift für Musik 5/99

(ungefähr 5 Seiten)

Dem reinen Toren Parsifal zieht es den Boden unter den Füßen weg: "Ich schreite kaum, doch wähn' ich mich schon weit." Und der väterliche Gurnemanz, der von der Relativitätstheorie noch nichts weiß, antwortet ihm mit einer musiktheatralischen Gleichung: "Du siehst, mein Sohn, zum Raum wird hier die Zeit."
Wie die Zeit im Musiktheater vergeht: Mal dehnt sie den Augenblick, mal rafft sie Bühnenewigkeit. Und die vergehende Zeit gestaltet den Raum. Richard Wagners Satz, eine Regieanweisung gewissermaßen mit philosophischem Gehalt, umschreibt ein schillerndes Beziehungsgeflecht von Zeit und Raum, an dem sich die Komponisten bis auf den Tag reiben. Und die theoretischen Fragen müssen sie in der Oper praxisnah beantworten. Was passiert in der "Verwandlungsmusik" des ersten Parsifal-Akts konkret? Die Szene ist natürlich in erster Linie auch ein Bühnencoup, alles Gewesene mutiert zur vielbeschworenen "stillen und weiten Kathedrale". Zu schreitenden Klängen verändert sich die Bühnenwirklichkeit. "Es verschwindet der Wald, und in Felsenwänden öffnet sich ein Torweg", in den "mächtigen Saal der Gralsburg" treten die beiden bald ein - so Richard Wagners Regieanweisung. Ein langer Weg in ein paar Minuten absolviert. Und die berühmte Wandeldekoration in Bayreuth nahm den Zuschauern einst den Atem. Nicht als Metaphysiker, sondern als Theatermann zeigte sich Wagner, wie Hans Mayer meint: "Das zeitliche Geschehen, das in einem Wirklichkeit bedeutet und Überwirklichkeit, läßt sich auf der Schaubühne nur mit Hilfe der Kategorien des Raumes verstehbar machen. Der Zeitablauf einer Geschichte muß den Bedingungen des Theaterraums, verstanden als Gesamtheit aus Bühne und Publikum, angepaßt werden."
Nur hat Wagner natürlich nicht als musikalischer Klempner ein dramaturgisches Loch geflickt. Seine Musik des permanenten Zeitflusses mit vor- und zurückschauenden Leitmotiven, die Allgegenwärtigkeit eines Erzählers signalisierend, schafft tatsächlich auch imaginäre Räume: "lebende Bilder"; die Handlung stoppt, ohne dass die Zeit stillsteht. So vermischen sich im Musikdrama des späteren 19. Jahrhunderts verschiedene Illusionen: dass die Musik den Eindruck erweckt, die Zeit vergehe, und dass ein Bild suggeriert, der Raum sei starr und bleibend. In seinen "Gedanken zum Theater" hat Hans Zender den Dialog von Auge und Ohr so beschrieben: "Das Ohr, geleitet von den in jedem Moment überraschend eintretenden Klängen, lenkt unser Bewußtsein auf die unaufhörlich verstreichende Zeit; das Auge orientiert sich an den relativ festen Strukturen der uns umgebenden Wirklichkeit und läßt unser Bewußtsein den Raum erfassen." Das Musikdrama Richard Wagners legt Zender dabei in der Kategorie "Ohrentheater" ab. Bild, Farbe, Bewegung, Sprache, alles sei beim Gesamtkunstwerker Klanggeschehen, derart habe dieser die äußere Ordnung noch der Barockoper verinnerlicht: Aus der Musik quellen unmittelbar bildhafte und bewegungsmäßige Assoziationen hervor. Schlussfolgernd dreht Zender den Parsifal-Satz um: "Zur Zeit ward hier der Raum."

[weiter...]

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (3/2019) herunterladen (2500 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Max Bruch: Die Loreley - 1. Akt - Lasst im Wind die Banner wallen

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Anzeige