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Freitag, 14. August 2020

[Wie der Schmetterling auf den Ball ging]

Musikzeitschriften im Portrait: Tibia

Wie der Schmetterling auf den Ball ging

Klanggeschichten als musikalische Annäherung an Körper und Seele

von Silke Lehmann, aus: Tibia

(ungefähr 4 Seiten)

Der folgende Beitrag wurde als Unterrichtsdemonstration auf dem ERTA-Kongreß in Bremen am 25. September 1998 gehalten. Im Mittelpunkt dieses Blockflöten-Symposions standen Instrument und Körper.

Moshé Feldenkrais, dessen Körpertechnik von vielen Musikern geschätzt wird, hat für das, was er Wachsein nennt, die vier Bestandteile Sinnesempfindung, Gefühl, Denken und Bewegung genannt, die in ständiger Wechselwirkung miteinander stehen. Die Behandlung eines dieser Bestandteile wird notwendig zugleich auch auf die drei anderen wirken und somit auf den ganzen Menschen.1 Von diesem Gedanken der Ganzheitlichkeit ausgehend sollen nun speziell die Aspekte Bewegung, Sinnesempfindung und Gefühl in ihrer Bedeutung für den Anfangsunterricht näher beleuchtet werden.

Da Instrumentalspiel unzweifelhaft hohe Anforderungen an Feinmotorik, Sinneswahrnehmung und die Koordination von beidem stellt, lohnt es sich, zu überdenken, welche körperlichen Voraussetzungen Kinder mitbringen. Im Gegensatz zu Jugendlichen oder gar Erwachsenen haben diese nämlich die Entwicklung ihrer motorischen Funktionen noch nicht abgeschlossen. Der Prozeß der Reifung verläuft von den großen, der Körpermitte nahen Muskeln zu den peripher gelegenen kleineren. Konkret bedeutet dies, daß Bewegungen der Schultern, Ellenbogen oder Handgelenke für Kinder viel leichter zu realisieren sind als die der Fingerspitzen.2 Und gerade die Fingerspitzen müssen beim Instrumentalspiel nicht nur exakte Bewegungen ausführen, sondern auch mittels des Tastsinns Rückmeldungen darüber geben, ob das Flötenloch gedeckt ist oder nicht.3 Als Beispiel dafür, daß die Körperwahrnehmung noch auf dem Wege zur vollständigen Ausreifung ist, kann gelten, daß Grundschulkindern die Unterscheidung von links und rechts, selbst an der eigenen Person, nicht immer auf Anhieb gelingt. In der Bewußtmachung dieser Faktoren wird deutlich, warum die Handhabung des Instrumentes so hohe Anforderungen an Kinder stellt, warum ihre Aufmerksamkeit schnell ermüdet und ihre Konzentrationsfähigkeit begrenzt ist. Leider beinhaltet der klassische Instrumentalunterricht nach wie vor hauptsächlich den Erwerb von neuen Griffen - selbstverständlich mit zugehörigem Notensymbol - und das Abspielen von Liedern und Stücken. Wer mit Kindern gearbeitet hat, weiß, wie qualvoll sich mangelnde motorische Fertigkeit einer gelungenen musikalischen Darbietung in den Weg stellen kann.

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