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Mittwoch, 14. November 2018

[Die neue Orgel im großen Sendesaal des China National Radio zu Peking
                     des China National Radio zu Peking]

Musikzeitschriften im Portrait: organ

Die neue Orgel im großen Sendesaal des China National Radio zu Peking des China National Radio zu Peking

ie Erste Konzertsaalorgel Chinas kommt aus Rheinland-Pfalz

(ungefähr 5 Seiten)

organ im Gespräch mit Wolfgang Oberlinger: Erbauer der neuen Rundfunkorgel in Peking

organ: Herr Oberlinger, bitte erklären Sie unseren Lesern, wieso ausgerechnet eine deutsche Orgelbauwerkstatt aus dem Hunsrück mit einem nationalen Prestigeobjekt wie der Errichtung der ersten Großorgel Chinas betraut wurde.
Oberlinger: Natürlich bildet ein fernes Land wie die Volksrepublik China für unseren traditionsbewussten europäischen Orgelbau ein exotisches Terrain. Nachdem China National Radio (CNR) den beteiligten Architekturbüros für die konkrete Planung einer eigenen Konzerthalle grünes Licht gegeben hatte, besuchten die Architekten Konzertsäle in aller Welt. Namhafte Solisten, Orchestermusiker und Dirigenten wurden nach ihren persönlichen Einschätzungen gefragt. Immer wieder wurde in diesem Zusammenhang der große Saal des Wiener Musikvereins genannt. Die innenarchitektonischen Proportionen des Pekinger Saals haben dort im Großen und Ganzen auch ihren Ursprung. Soweit es die Orgel selbst betraf, reisten Vertreter des Senders durch ganz Europa und Nordamerika, um eine geeignete Werkstatt auszusuchen. Die chinesische Delegation berichtete von ihrer Reise, dass unser Unternehmen seitens internationaler Konzertorganisten etwa aus Paris, Brüssel, Wien etc. für ein derartiges Projekt wärmstens empfohlen wurde. Eine gemeinsame Delegationsreise von Mitgliedern der Landesregierung unter dem damaligen rheinland-pfälzischen Wirtschaftsminister Rainer Brüderle half ebenfalls bei der Herstellung wichtiger Kontakte. Anlässlich eines Gesprächs mit dem chinesischen Kultusminister konnte ich auf die Orgelambitionen von CNR hinweisen. Bis zur Unterzeichnung der Verträge verstrich allerdings noch ein gutes Jahr.
organ: Weshalb so lange? Gab es Verständigungsprobleme irgendwelcher Art?
Oberlinger: Alle anbietenden Orgelbauer waren in einen Wettbewerb eingebunden. Hierbei spielen neben künstlerischem Gehäuseentwurf und Klangkonzeption erfahrungsgemäß stets auch Kosten, Zahlungsmodalitäten usw. eine Rolle. Wir reichten unsere Vorstellungen ein und warteten, was sich daraus ergeben würde.
organ: Waren Sie bei den Verhandlungen in China ganz auf sich gestellt?
Oberlinger: Wir haben bislang zwar noch nicht in China gebaut, dafür aber in anderen fernöstlichen Staaten. In all diesen Ländern - zumal mit ihren gänzlich verschiedenen kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Strukturen - ist es natürlich schwierig, geschäftliche Verhandlungen selbständig zu führen. Wir hatten die Möglichkeit und das große Glück, mit einem Importbüro zusammenzuarbeiten, das alle landesspezifischen Eigenheiten der Bürokratie, des Zollwesens und der Steuerpraxis bestens kennt und beim Überwinden dieser Hürden entscheidend behilflich war. In China half uns FAL (Far Eastern Limited), eine eng mit Rheinland-Pfalz zusammenarbeitende deutsch-chinesische Agentur mit Sitz in allen wichtigen Städten Chinas. Diese in unterschiedlichsten wirtschaftlichen Bereichen tätige Agentur vertritt unser Haus exklusiv in China.
organ: Wieviel wird die neue Orgel für Peking kosten, und wie hat sich der Leser die Abwicklung der finanziellen Transaktionen vorzustellen?
Oberlinger: Aus China kommen für dieses Projekt etwas mehr als zwei Millionen Mark, allerdings ohne die Zollgebühr. Da CNR eine staatliche Einrichtung ist, kann diese intern verrechnet werden. Dennoch wird unser Haus für den Bau der Orgel weniger als den vollen Betrag erhalten, da eine Reihe von Sekundärkosten abzuziehen sind: Transporte, Flüge, Hotels, Spesen und ebenso Banktransfers. Die Transaktion erfolgt in US-Dollar, wobei unser Haus hierbei ein gewisses Risiko hinsichtlich der Kursschwankung trägt. Ein Teil der Orgel wird übrigens aus Einnahmen der Radiowerbung bezahlt, die von Far Eastern Limited an deutsche Firmen verkauft wird, die im chinesischen Rundfunk werben möchten.
organ: Bleibt ein solcher Auftrag mit komplizierten Abwicklungsmodalitäten, zumal für ein mittelständisches Unternehmen, nicht ein unwägbares Risiko?
Oberlinger: Jeder Auslandsauftrag birgt höhere Risiken; diese sind von Einzelfall zu Einzelfall abzuschätzen. Als Orgelbauer fasziniert mich mein Beruf auf besondere Weise und es interessiert mich zu allererst, dass ich ein solches Instrument in meinem eigenen Betrieb, nach meinen ganz persönlichen Ideen und Vorstellungen und mit meinen Mitarbeitern bauen kann. Es dürfte nach unserem Kenntnisstand auch die erste Orgel in diesem riesigen Land sein, die nach der chinesischen Kulturrevolution jetzt von einer westlichen Orgelbauwerkstatt gebaut wird - jenseits wirtschaftlicher Erwägungen eine ganz enorme Motivation für mich. Ganz ohne Zweckoptimismus geht es nicht. Wir hoffen, dass alles klappt, dass der Dollar nicht zu sehr in den Keller rutscht und die notwendigen Werbezeiten beim Sender bald verkauft sind. Bis jetzt jedenfalls läuft es bestens. Es darf auch nicht vergessen werden, dass wir vom größten deutschen Geldinstitut sehr eingehend beraten wurden.
organ: Dass die Pekinger Oberlinger-Orgel für ganz China etwas besonderes ist, haben Sie eingehend erläutert. Sehen Sie auch positive Reflexe auf die Orgelsituation hierzulande?
Oberlinger: Nicht nur die Werkstatt Oberlinger kann auf ein derartiges Prestigeprojekt stolz sein. Es ist nicht weniger ehrenvoll für den deutschen, mittelrheinischen Orgelbau, die Königin der Instrumente nach Fernost zu tragen. Die Reaktionen von Presse, Rundfunk und Fernsehen im eigenen Land belegen dies ja auch sehr deutlich. Daran können Sie ablesen, wie stark das Interesse am Orgelbau in der eigenen Region gerade im Schatten eines derartigen "Exoten" erwacht. Mr. Marohn, Leiter der Far Eastern Limited, steht im Übrigen in engstem Kontakt mit den Bundesministerien und den Ministerpräsidenten der Länder. Zur Zeit werden die musikalischen Einweihungsfeierlichkeiten während der ersten Augustwoche dieses Jahres geplant. Das ZDF wird ebenfalls in Peking drehen. Die Orgel wird termingerecht fertig, das ist sicher - ich hoffe, der Saal und das Interieur ebenfalls!
organ: Auch die edelste Limousine muss zur Inspektion. - Wie kann die sachgerechte Pflege eines so kostspieligen Instruments in Peking, wo es keine Orgelfachleute gibt, gewährleistet werden?
Oberlinger: Wir werden vor Auslieferung der Orgel zwei Chinesen im Rahmen eines orgelbaulichen Praktikums in unserer Werkstatt eigens ausbilden: im sachgerechten Zungenstimmen, Nachstimmung einzelner Mixturpfeifen und auch hinsichtlich des bei neuen Instrumenten anfangs erforderlichen Nachregulierens der Mechanik. Die beiden Chinesen wurden von CNR nach sinnvollen Kriterien ausgesucht. Sie sprechen Deutsch und spielen sehr respektabel Klavier. Und von Peking ist es im Übrigen nicht weit nach Korea, wo unsere Werkstatt mehrere Orgeln gebaut hat und bereits ein Orgelwartungsservice organisiert ist. So werden unsere Mitarbeiter nur sehr selten aus Deutschland anreisen müssen.

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