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Dienstag, 9. August 2022

[... und nach dem ‚Heilig' plötzlich keine Stille mehr ...]

Musikzeitschriften im Portrait: Musica sacra

... und nach dem ‚Heilig' plötzlich keine Stille mehr ...

"Zeiten-Wende" Liturgie und Kirchenmusik im 20.Jahrhundert

von Peter Planyavsky, aus: Musica sacra

(ungefähr 4 Seiten)

Als das 2. Vatikanische Konzil für mich begann, war es genau null Uhr. An diesem 11. Oktober 1962 feierte ich als Akolyth eine aus diesem Anlaß angesetzte Mitternachtsmesse in der Wiener Schottenkirche mit. Erst im hohen Alter von 14 Jahren war ich Ministrant geworden; davor hatte ich in jener Kirche als Chorknabe gesungen, aber auch schon seit einiger Zeit aushilfsweise Messen gespielt. Ich war also trotz meiner 15 Jahre bereits kirchenmusikalisch und liturgisch "wach" und nahm deutlich wahr, was sich da anbahnte. (Man muß ja der nächsten Generation immer wieder erzählen, wie das "vorher" war. Zum Beispiel: Die Präfation schien mit "Per omnia saecula saeculorum" zu beginnen. - In einer gebeteten Messe konnte nicht plötzlich gesungen werden und umgekehrt. - Den Zelebranten bekam man frühestens zur Predigt zu Gesicht; eine Wahrnehmung der Anwesenden seinerseits oder gar eine Begrüßung gab es nicht. Und so weiter, und so weiter ...)

Gerade in Wien traf einen das Kommende ja nicht unerwartet. Da hatte es einerseits die volksliturgische Bewegung in Klosterneuburg gegeben; Pius Parsch und Vinzenz Goller waren nicht historische Figuren, sondern die von ihnen geprägten Gottesdienstformen waren zum Standard geworden, vor allem die "Betsingmesse", bei der es ja bereits ein rudimentären Rollenspiel gab. Weiter westlich, in Linz, waren die Brüder Kronsteiner Vorreiter einer Art Deutscher Gregorianik und hatten hunderte Ordinariums- und Proprienteile produziert (und waren dafür teilweise heftig angefeindet worden - der Streitpunkt war immer, ob "soetwas" den eigentlichen Choral förderte oder verdrängte.) Die alten Kirchenchöre allerdings waren noch nicht einmal ganz auf die Linie Pius' X. gebracht worden - sie mußten weiterhin ermahnt werden, im Hochamt auch das ganze Proprium zu singen.

Für uns bei den "Schonen" war das kein Thema. Die Benediktinermönche pflegten immer schon eine äußerst korrekte Liturgie; der musikalische Normalfall des Konventamtes war das komplette Choral-Ordinarium und -proprium - in Wien eine Besonderheit. Über eine weitergehende Verwendung der Muttersprache wurde für diese Gottesdienste jedenfalls nicht nachgedacht. Ich studierte damals bereits parallel zum Gymnasium an der Musikakademie (der späteren Musikhochschule); in geheimnisvoller Antizipation der Tendenzen, die nun immer stärker werden sollten, war gerade erst Hermann Kronsteiner zum Leiter der Kirchenmusikabteilung ernannt worden. Als man mehr und mehr vom Konzil hörte und sich abzeichnete, daß die Verwendung der Muttersprache in der Liturgie gestattet werden würde, sagte er einmal mit Nachdruck "Der Kanon wird immer lateinisch bleiben!" - und er war gewiß unverdächtig, was Abneigung gegen deutsche Liturgie betraf.

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