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Freitag, 21. Januar 2022

[Das Vibrato im Blockflötenspiel]

Musikzeitschriften im Portrait: Tibia

Das Vibrato im Blockflötenspiel

(Teil 1)

von Daniel Brüggen, aus: Tibia

(ungefähr 8 Seiten)

1. Einleitung

In jedem Repertoire, sowohl dem historischen als auch dem zeitgenössischen, spielen Überzeugungskraft und Fantasie des Ausführenden eine wichtige Rolle, denn dieser strebt ja nach einer möglichst überzeugenden und lebendig sprechenden Wiedergabe der Komposition.
Die Inspiration hierfür kann von verschiedenster Seite kommen.
Eines der lebendigsten Elemente im Spiel aller Blas- und Streichinstrumente ist das Vibrato. Nicht ohne Grund wird es in den historischen Quellen eher sparsam behandelt. Allgemeingültige Regeln zur Anwendung des Vibratos sind kaum zu finden, was gewiß zum einen mit der Vielfalt der Möglichkeiten zusammenhängt, zum anderen aber auch mit dem persönlichen Geschmack von Zuhörer und Spieler zu tun hat. Das Vibrato ist ein überaus spontanes Gestaltungselement, welches aber verlorengeht, sobald der Spieler sich nur strikt nach Anweisungen richtet. So betrachtet erscheint die spärliche Verwendung von Vorschriften zum Vibratogebrauch wiederum sinnvoll.
Trotzdem sollte das Vibrato auch theoretisch behandelt werden, da es die Ausdrucksmöglichkeiten des Blockflötenspiels beträchtlich bereichert und sonst leicht in Vergessenheit geraten könnte. Für die untergeordnete Rolle, die das Vibrato bislang spielt, lassen sich folgende mögliche Gründe anführen: o In der Unterrichtspraxis wird das Vibrato meist erst bei fortgeschrittenen Schülern behandelt. Es wird von anderen Problemen, die als grundlegender erachtet werden, verdrängt und erhält letztlich den Stellenwert bloßen Beiwerks, das man in den meisten Fällen ebensogut weglassen könnte.
o Das sogenannte 'schöne Spiel' ist das vorrangige Ziel in der Interpretation fast aller Stücke unseres Repertoires. Das Bedürfnis nach Effekten hingegen ist weniger stark, dem Erzählenden und dem Bizarren wird wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Auch aus Furcht vor Kritik an einem 'übertriebenen' oder 'verschwenderisch-überladenen' Stil gelangt man letztlich zu dem Standpunkt, gerade das vibratoarme Spiel sei korrekt und geschmackvoll.
o Da das Vibrato vom Spieler oft als starker Eingriff empfunden wird, entscheidet er sich oft für eine eher abgeschwächte Ausführung: das Ergebnis bleibt entsprechend flach. Doch umgekehrt erzielen auch große Anstrengungen oft nicht die gewünschte Wirkung, was letztlich entmutigend wirkt.
o Vibrato ist sowohl in der Alten Musik als auch im größten Teil unseres zeitgenössischen Repertoires nicht oder nur selten notiert.
o Der Begriff Vibrato ist in seiner Vieldeutigkeit verwirrend. Auch im Unterricht wird er mit den verschiedenartigsten Hinweisen meist nur vage umrissen. Die Anweisungen reichen von 'das ist eine typische Stelle für Flattement' über 'das muß noch schöner klingen' bis hin zu 'blase mal kräftig in die Flöte' und führen durch ihre Unklarheit oft zur Verwirrung.
Es ist bedauerlich, daß aus diesen Gründen häufig eine wichtige Facette des Blockflötenspiels außer acht gelassen wird. Zudem geht dadurch die Möglichkeit verloren, mit anderen Parametern wie Ton, Stimmung, Atmung, Geschmack und Stilempfinden leichter umgehen zu lernen. Aus diesen technischen Bereichen nämlich setzt sich das Vibrato zusammen, es schafft zwischen ihnen einen selbstverständlichen Zusammenhalt, der jedoch fehlt, wenn sie getrennt voneinander behandelt werden. Im folgenden möchte ich die verschiedenen Formen, Charakterzüge und Anwendungsgebiete des Vibratos besprechen. Diese Ausführungen sollen seine Anwendung erleichtern und zu einem lebendigen Gebrauch des Vibratos ermuntern. Nicht zuletzt möchte ich verdeutlichen daß es viel mehr verdient als den Status jenes 'Beiwerks', das ein Schlußlicht bildet (wenn es nicht sogar ganz weggelassen wird), sondern daß es vielmehr ein wesentlicher Bestandteil der Technik unseres Instruments ist.

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