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Freitag, 22. März 2019

[Mann bleibt Mann?]

Musikzeitschriften im Portrait: Neue Zeitschrift für Musik

Mann bleibt Mann?

Fragen einer lesenden Musikerin zu Brecht, Eisler & Co.

von Nanny Drechsler, aus: Neue Zeitschrift für Musik 6/98

(ungefähr 7 Seiten)

«Lai-tus Wert: Lai-tu dachte gering von sich, weil sie kein großes Werk hervorgebracht hatte. [...] Daß im Hinblick auf sie Dichtungen hervorgebracht wurden und gute Leute sich besser verhielten als sonst, achtete sie für nichts. Me-ti sagte ihr: Es ist richtig, du hast noch keine Ware geliefert. Aber das bedeutet nicht, daß du keine Leistung geliefert hast. Deine Güte wird festgestellt und gewürdigt, indem sie in Anspruch genommen wird. So erwirbt der Apfel seinen Ruhm, indem er gegessen wird» (Hervorhebung N. D.).
Bertolt Brecht, Me-ti - Buch der Wendungen

«Brecht und Benn waren die Textmaschinen in der ersten Jahrhunderthälfte. Heiner Müller die der zweiten. An allen Hebeln standen Frauen. Das Zeitalter der Maschinen ist vorbei.»
Matthias Altenburg, Marmor Stein und Eisen Brecht.
Eine Wortmeldung zum 100. Geburtstag

Genies sind Menschenfresser, ja vor allem: Frauenfresser. Ihr medialer Appetit erscheint ungeheuer; die finanzielle, organisatorische und psychische Ausbeutung der mit ihnen verbundenen Frauen stellt nur allzu oft die elende Schattenseite eines genialen Lebenswerks dar, das im Vordergrund der offiziellen Kunstbetrachtung gerühmt wurde und wird. Auf der anderen Seite ist der Auftritt der Frau als Künstlerin gesellschaftlich nicht , wie Elfriede Jelinek in einem Interview - auch was sie selbst betrifft - bilanziert: «Frauen sind aus dem Denken, aus der Musik, aus dem in der allgemeinen gesellschaftlichen Situation des Patriarchats ausgeschlossen; sie konnten sich nicht in die großen Werke der Klassizität einschreiben, ihr Ort im herrschenden Diskurs ist: Passivität, Körper sein, beschrieben werden.»1 Die Sprache hat der Herr, der Knecht kann sie allenfalls subversiv unterlaufen, denunzierend umwerten oder witzig-grotesk-boshaft parodieren. In dieser Position sieht auch Jelinek den künstlerischen Ort ihres , wobei allerdings, wie sie betont, im Scheitern Dinge aufgedeckt werden können, die der Außenseiter stärker sieht als der im System normierte. Hier liegt sowohl in der Herr/Knecht- als auch in der Mann/Frau-Dialektik eine besondere Möglichkeit von Freiheit und subversiver Kraft verborgen.
«Mann bleibt Mann?», so frage ich, ein Lustspiel Brechts mit dem Titel von 1927 variierend, im Hinblick auf zwei Künstler, deren 100. Geburtstage in diesem Jahr gefeiert wurden: Bertolt Brecht und Hanns Eisler. Beide sahen sich in ihrer Kunst der politischen Idee des Sozialismus verpflichtet, beide glaubten an das Marxsche Gleichheitsideal und propagierten eine avantgardistische Lebensform, die dem bürgerlichen Denken scheinbar entgegengesetzt war - doch wie bekam die politisch motivierte gemeinsame Arbeit den mit ihnen verbundenen Frauen? Zwei Männer, künstlerisch verbunden «im Werk», im antifaschistischen und antikapitalistischen Kampf gegen Ausbeutung und soziale Ungerechtigkeit als gesellschaftlicher Unterdrückung - wie lebten sie mit dem sog. , will sagen: der Befreiung der Frau aus bürgerlicher Identitäts- und Rollenzuschreibung?

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