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Dienstag, 9. August 2022

[Max Regers Choralvorspiele im Kirchenjahr]

Musikzeitschriften im Portrait: Musica sacra

Max Regers Choralvorspiele im Kirchenjahr

von Klaus Linsenmeyer, aus: Musica sacra

(ungefähr 5 Seiten)

Max Reger hatte als Katholik den ererbten Glauben seit seiner Münchner Zeit (ab 1901) äußerlich nicht mehr betätigt, sich jedoch nie von der Kirche losgesagt. Ungenügender und zu früh abgeschlossener Religionsunterricht und Erlebnisse oberflächlicher Seelsor-gepraxis, die seinen ausgeprägten Künstlerstolz tief bewegt hatten, mögen mit verursacht haben, daß Reger sich dem Gottesdienst der katholischen Kirche gegenüber gleichgültig verhielt, wenn er auch nach den Berichten seiner Frau nie zur evangelischen Konfession hingeneigt hat.

Das religiöse Unverständnis von Regers Glaubensgenossen gegenüber seiner Musik begann schon in seinem Heimatort Weiden. Dort spielte er in der Sonntagsmesse die Orgel. 1889 schreibt der jugendliche Reger über sein Orgelspiel an Hugo Riemann: "So habe ich z. B. seit 5-6 Jahren hier an Sonn- und Feiertagen die Orgel in der Kirche gespielt. Nunmehr hat man mir bedeutet, doch anders zu spielen, da die Leute bei mei-nem Spiel in ihrer Andacht gestört würden und die Orgel großen Schaden leiden müßte."1 Während der Studienjahre an der Weidener Präparandenschule (1886-1889) gewann Reger in die Literatur des katholischen Kirchenliedes einen größeren Einblick, indem ein gewisser eiserner Bestand dieser Lieder nicht nur in der Orgel- und Gesangsunterrichts-stunde, sondern besonders auch bei dem wöchentlich zwei- bis dreimal stattfindenden Gottesdienst (gesungene Messe) von den katholischen Schülern der Anstalt vorgetragen wurde. Durch die Kleinlichkeit und das ungeschickte Verhalten des unmusikalischen katholischen Ortsgeistlichen wurde der junge Reger in seinem künstlerischen Empfinden zutiefst verletzt. Er schreibt an seinen Freund Gustav Beckmann: "Ich selbst habe seit 1895 leider nicht mehr Orgel gespielt, und - o Graus, hier darf ich es nicht, da man fürch-tet, ich könne die Orgel ruinieren (eine Orgel, die schon unter aller Kanone ist). Nun soll hier eine neue gebaut werden, aber wenn sie fertig ist, darf ich sie doch nicht spielen! Das kommt daher, weil hier niemand eine Ahnung hat, was virtuoses Orgelspiel ist, und wenn da mal ein Sechzehntel gespielt wird, so glauben die Leute, die Orgel wird ruiniert."2 Reger war indes hell begeistert von den wunderbaren Melodien der evangelischen Kir-che. Ihm wurde von dieser Seite mehr Verständnis entgegengebracht. Von da ab scheint Reger den Choral nicht mehr aus den Augen verloren zu haben: "Bis Herbst 1894 habe ich eine große Sammlung Choralvorspiele für Orgel von jedem Charakter fertig." Als dann Reger anläßlich seiner Erkrankung 1898 von Wiesbaden zu einem dreijährigen Aufenthalt nach Weiden verzog, brachte er ein stattliches Heft mit Übertragungen Bachscher Orgelchoralvorspiele für Klavier zu zwei Händen mit. "Warum nun Reger in Weiden sich erst recht mit ganzer Seele dem evangelischen Choral verschrieb, das hatte neben dem musikalisch-formalen ganz sicher einen tiefen religiösen Grund. Regers große Lebens-krise während des achtjährigen Aufenthaltes in Wiesbaden war überstanden. In Weiden fand er Ruhe, Stille, Anlaß zu innerer Sammlung und Selbsteinkehr. Darum jetzt eine immer tiefere Versenkung in religiöse Stoffe, namentlich in die Texte zu den evangelischen Choralmelodien und Liedern. In Weiden entstanden Choralfantasien, epochale Riesen-werke, durch die Reger protestantischen Kreisen von selber näher gebracht wurde, auch durch die Orgelkonzerte des Orgelmeisters Karl Straube. (...) Sehr ungünstig waren die damaligen Zeitverhältnisse. Es gab auf dem katholischen kirchenmusikalischen Gebiet zwei Hauptrichtungen, die sich in schroffem Kampfe gegenüberstanden. Die eine wollte volles Heil gefunden haben in der vorwiegenden Pflege des gregorianischen Chorals und in der Rückkehr zur rein polyphonen, harmonisch asketischen Diatonie und Schreibweise eines Palestrina, die andere redete dem Eindringen besonders der durch Richard Wagner und die Neueren errungenen harmonischen und orchestralen Freiheiten, zum Beispiel dem Chroma und der Dissonanz, rückhaltlos das Wort. (...) Bei der Beurteilung Regers in...

Fußnoten
1 Vgl. Rudolf Walter, in: Max Regers Choralvorspiele für die Orgel", Diss., Mainz 1949, S. 10.
2 Max Huber, Warum schrieb Max Reger evangelische Kirchenmusik?, in: Musik und Gottesdienst, 22. Jg., Zürich 1968, 3. Heft, S. 82. Und: Rudolf Walter, a. a. O., S. 24/25.

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