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Sonntag, 28. November 2021

[Mythos Callas]

Musikzeitschriften im Portrait: Musik & Ästhetik

Mythos Callas

von Mauro Guindani, aus: Musik & Ästhetik Juli 1998

(ungefähr 9 Seiten)

Mein Interesse, meine immer zunehmende Begeisterung für die einzigartige Erscheinung in der Geschichte der darstellenden Kunst ist rein durch das Zuhören von Tonaufnahmen entstanden. Ich habe Maria Callas auf der Bühne nie erlebt. Als Opernregisseur gilt mein Interesse der Verbindung von drei Elementen in einer einzigen Bühnensprache: Wort-Musik-Gestus. Gerade als Bühnenpraktiker aber möchte ich dem Klischee entgegentreten, Maria Callas sei in erster Linie eine hervorragende Darstellerin auf der Bühne gewesen, nicht unbedingt aber eine gute Sängerin. Neulich in einer Diskussionsveranstaltung über das Thema Callas fragte mich der Moderator, ob ich es nicht als einen großen Verlust empfände, daß es nicht genügend Filmdokumente von Aufführungen mit der Callas gebe, um ihre »schauspielerische Kunst« heute richtig beurteilen zu können. Ich antwortete: »Nein. Mir reichen ihre Tonaufnahmen, um sie auf der Bühne zu sehen.«

Vor ein paar Tagen habe ich zufällig eine entgegengesetzte Erfahrung gemacht, die diese Äußerung bestätigt. Während der Vorbereitung dieses Artikels wollte ich mir eine Arie anhören, die Maria Callas 1962 in einem Konzert in Hamburg gesungen hatte, und ich erinnerte mich, daß ich eine Videokassette davon besitze. Mein Videorecorder, den ich sehr selten benutze, war aber leider defekt: Das Bild war zu sehen, doch es kam kein Ton. Verärgert wollte ich schon ausschalten, um mir die gleiche Arie auf CD anzuhören; ich tat es aber nicht, weil plötzlich in meinem Kopf Musik erklang. Zwei Stunden lang saß ich wie angenagelt vor diesen stummen Bildern (eine Konzertaufnahme, keine Bühnenaufführung!): In meinem Kopf hörte ich ständig Musik. Wie war das möglich?

Beim Schauen dieses stummen Filmes wurde mir klar, daß Maria Callas in jeder Sekunde ihrer Darbietung Inhalte dachte, die sie durch Töne transportieren wollte, und nicht nur die Töne selbst. Damit tat sie genau das Gegenteil von dem, was Brecht als »kulinarisches Theater« bezeichnete. Musik als Vehikel für Inhalte wird zu einer »gestischen Sprache«, zu einer Sprache, die »bestimmte Haltungen des Sprechenden anzeigt, die dieser anderen Menschen gegenüber einnimmt.« Maria Callas war in ihrem Theaterverständnis sehr nah an dem, was Brecht das epische Theater nannte.

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