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Freitag, 20. Mai 2022

[Draeseke in Dresden]

Musikzeitschriften im Portrait: Musik & Kirche

Draeseke in Dresden

Aufführungen der beiden Requiems in der Frauenkirche

von Friedbert Streller, aus: Musik und Kirche 1/2008
Felix Draeseke (1835–1913), der mit vier Sinfonien, acht Opern, umfangreicher Kammermusik und einem reichlichen kirchenmusikalischen Schaffen Ende des 19. Jahrhunderts als einer der führenden Komponisten neben Brahms und Bruckner galt, war vergessen und hat erst in den letzten Jahren durch die Internationale Draeseke-Gesellschaft wieder einen bescheidenen Platz im Konzertleben gefunden.

Nach Aufführungen des monumentalen Christus-Mysteriums mit Vorspiel und drei Oratorien in Speyer Anfang Dezember 1990 und ein Jahr später in Heilbronn samt Verbreitung auf CD war wieder Aufmerksamkeit erreicht. Der scheidende pfälzische LKMD Udo R. Follert, der der 1986 gegründeten Draeseke-Gesellschaft vorsteht und viele Wiederaufführungen initiierte und realisierte, kam nun mit seiner Pfälzischen Singakademie nach Dresden und stellte in der Frauenkirche das Requiem für Chor a cappella in e-Moll vor.

Dieses Werk hat der aus Coburg stammende und nach Wanderjahren in der Elbestadt sesshaft gewordene und hier auch 1913 verstorbene Komponist 1909 als letzte seiner geistlichen Kompositionen geschrieben. Der Pfälzer Chor gestaltete neben Mendelssohns Verleih uns Frieden in einer „Geistlichen Sonntagsmusik“ am 23. Sonntag nach Trinitatis dieses äußerst anspruchsvolle, neudeutsche Schule und klassische Tradition auf eigene Weise verknüpfende Requiem mit überzeugender Ausdruckskraft. Der Dirigent vermochte die Plastizität der motivischen Durchgestaltung und die Raffinessen der Polyphonie treffend herauszuarbeiten und beeindruckend in der schwierigen Akustik der Kirche wirksam werden zu lassen. Der Kantor der Frauenkirche steuerte eine Messe von Rheinberger für Orgel und Sopran (Agnes Ganschow) bei und am Ende ein Präludium in d-Moll von Mendelssohn.

Was an unmittelbarer Wirkung durch den erstaunlich präzise singenden Chor an musikalischer Wirkung hervortrat, das wurde eine Woche später wieder aufgenommen: durch den ausgewogenen Klang des Chors der Frauenkirche und des Philharmonischen Orchesters des Staatstheaters Cottbus unter Matthias Grünert mit dem anderen Requiem Draesekes, dem in h-Moll op. 22. Das Werk beschäftigte den Komponisten von 1865 an mit dem „Lacrimosa“, das hier wie auch an anderen Stellen stark an Mozarts Requiem erinnerte, bis zur Vollendung im Jahre 1880. Die Uraufführung erfolgte ein Jahr später in Dresden, und das Werk wurde 1883 in der Leipziger Thomaskirche im Gedenken an Richard Wagners Tod erneut aufgeführt. Die Ausdrucksmöglichkeiten darin sind vielfältiger, nicht begrenzt auf fünfstimmige A-cappella-Polyphonie wie bei dem e-Moll-Werk, sondern in den klanglichen Möglichkeiten erweitert durch Chor, Orchester und Soloquartett mit sauberem Sopran (Agnieszka Tomaszewska), klangvollem Alt (Britta Schwarz), erfahrenem Tenor (Eric Stokloßa) und profundem Bass (Egbert Junghanns). So wurde hier plastische Gestaltung von packender Wirkung entfesselt und inhaltlich bildhaft nachgestaltet.

Beide Aufführungen zeigten, dass der Neu-Deutsche durchaus ein Komponist ist, dessen Werke aufzuführen sich lohnen.

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