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Freitag, 20. Mai 2022

[Plädoyer für ein Scheidungsrecht von Kantoren- und Organistenamt]

Musikzeitschriften im Portrait: Musik & Kirche

Plädoyer für ein Scheidungsrecht von Kantoren- und Organistenamt

Was der Mensch zusammengefügt, kann er auch wieder scheiden.

von Konrad Klek, aus: Musik & Kirche 5/2006
Dass Kirchenmusik professionell in kirchlicher Anstellung nur von Menschen praktiziert werden kann, die als Organisten wie Chorleiter ausgebildet und tätig sind, ist eine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Man kann dies würdigen als gut pragmatisch gedacht: Der Organistenbedarf bei jedem Gottesdienst sichert Kirchenmusikern die regelmäßige und fortwährende Beschäftigung, und die Fortbildungsaufgabe für nebenamtliche Kräfte ist ein wichtiges Standbein der Berufsausübung. Man kann es auch ideologisch sehen und damit negativ werten: Das kantorale Idiom der Singbewegung sollte auch die organistische Praxis normieren und instrumentalen Eigengesetzlichkeiten wehren. Es spricht einiges dafür, die zeitweise sicherlich wirkmächtige, aber doch historisch bedingte und im Blick auf die Zukunft eingrenzende Weichenstellung der „Väter“ der „Kirchenmusikalischen Erneuerung“ zu hinterfragen.

Dazu einige Thesen:

  1. Wer ohne ideologische Scheuklappen die jeweilige Spezifik von Chorleitungs- und Organistenpraxis wahrzunehmen bereit ist, muss zugestehen, dass dafür durchaus differierende Begabungen und Fähigkeiten wichtig sind. Die Erfahrungen in der nebenamtlichen wie professionellen Ausbildung zeigen, dass es „Orgelfreaks“ und „Chorleitungsmenschen“ gibt. Die Synthese von beidem ist nicht ausgeschlossen, aber keinesfalls die Regel.
  2. Während zu Beginn der eigenständigen Kirchenmusikerausbildung im 20. Jahrhundert das kantorale Idiom die Leitlinie der Ausbildung markierte, hat inzwischen wohl weitgehend der Orgelvirtuose die Nase vorn. Die staatlichen Hochschulen sorgten für hochprofessionelle Niveaumaßstäbe, die bereits den Zugang zum Studium regeln. Die landeskirchlichen Institute mussten dem im Zuge der allseits intendierten Hochschulwerdung nacheifern. Der Katzenjammer bei den Gemeinden folgt bisweilen bald: Hilfe, wir haben einen tollen Organisten, aber einen nur mittelprächtigen Chorleiter. Die faktische Selektion der Kirchenmusiker nach dem Grad ihrer Virtuosität an der Orgel ist nicht unbedingt praxisnah.
  3. Wer einmal erlebt hat, welche liturgischen Gestaltungsmöglichkeiten das gleichzeitige Agieren von Chorleiter und Organist in zwei Personen ermöglicht, muss sich fragen, welchen liturgischen Mehrwert der Kantor-Organist denn noch haben kann. Spätestens seit der Einführung des EG mit seinen variablen Singformen gilt, dass der Kantor nicht nur auf der Orgelbank als Liedstrophen-Begleiter, sondern auch im Altarraum als Singeleiter der Gemeinde gefragt ist. Das kann nun nicht heißen, dass die Gemeinde auch noch a cappella singen soll. Die räumliche Flexibilität des Chorleiters ermöglicht auch das Agieren des Chores vis-a-vis der Gemeinde und damit gerade Anrede, Wortzeugnis im Sinne der „Kirchenmusikalischen Erneuerung“.
  4. Während in den Jahrzehnten nach 1945 die Kirchenmusiker oft als Klavierlehrer tätig und geschätzt waren und viele gute Klavierspieler zur Orgel brachten, ist es heute oft schwer, gute Pianisten zu gewinnen. Auf der anderen Seite gibt es viele Wege, auf denen junge Menschen zum Chor- und auch Sologesang finden und von daher den Schritt zum Chorleiter wagen. Gerade im Interesse der Profilierung des kantoralen Idioms ist es schwer nachvollziehbar, warum im kirchlichen Bereich der Chorleiterberuf an das Beherrschen von „großen Bächen“ oder gar „Regersachen“ auf der Orgel gebunden sein soll.
  5. Es gibt vielseitig begabte und in verschiedenen Sparten professionell qualifizierte Kirchenmusiker, die ihren kirchlichen Dienst gerne mit freiberuflicher Tätigkeit verbinden würden und dafür Teile ihres „Amtes“ preisgeben würden, wenn sie nur könnten.
  6. Nicht zuletzt die dem Fachbereich Schulmusik zu verdankenden Erfolge in Sachen Chorleitung haben vielerorts institutionell „weltliche“ Chöre hervorgebracht, die ebenso das geistliche Terrain beackern und in dem spürbar enger werdenden „Markt“ für potentielle Chormitglieder wie Konzertbesucher zur harten, oft bedrohlichen Konkurrenz für die kirchlichen Chöre werden. Warum sollten solche Chöre ihre Fähigkeiten und ihre Einsatzbereitschaft nicht direkt in die kirchliche Praxis einbringen können?
  7. Auch die stilistische Pluralisierung dessen, was heute als Musik in der Kirche ertönt, spricht gegen das Leitbild eines (einzigen) Kirchenmusikers, der qua „Amt“ das gesamte Musizieren im Gotteshaus verantwortet. Statt immer noch mehr Kompetenzen – z. B. Richtung Popmusik – zu fordern und damit das „Ein-Mann-Ideal“ noch weiter zu strapazieren, könnten Teammodelle entwickelt werden, bei denen das Zusammenwirken verschiedener „Geister“ Ansatzpunkt ist.
  8. Der Versuch, mit dem „Amt“ des Kirchenmusikers oder Kantors ein Pendant zum Amt des Pfarrers zu profilieren, muss als gescheitert betrachtet werden. Die evangelischen Kirchen sind und bleiben Pfarrerskirchen. Der zu beobachtende kulturelle Niveauverlust bei den Pfarrstelleninhabern wird (aufgrund der Machtstrukturen stets erfolgreiche) Abwehrreaktionen gegen „Amtsansprüche“ von Seiten der Kirchenmusiker weiter verstärken, und die Kirchenvorstände werden gerade im Kontext der Finanzierungszwänge stets ihre Befriedigung darin finden, die von ihnen abhängigen Kirchenmusiker zappeln zu lassen. Sprich: Als Musiker im ausschließlich kirchlichen Dienstverhältnis kann man nicht glücklich werden.
  9. Die bisweilen beklagte Ghettoisierung der Kirchenmusik im allgemein künstlerischen wie soziokulturellen Kontext nach 1945 ist auch Implikat der institutionellen Selbstausgrenzung via Kirchenmusiker-„Amt“. Bildet die aktive oder passive Teilnahme an kirchlichem Musizieren heute gleichwohl noch eines der wenigen Felder, wo „Volkskirche“ spürbar wird und weiterhin kultivierbar erscheint, so wäre gerade hier die personale Vernetzung mit sonstigen Kulturträgern der kirchlichen Sache eher dienlich als schädlich. „Normale Menschen“, die ihre Gaben in das kirchliche Leben einbringen, dienen dem Reich Gottes besser als kirchliche Sonderlinge.
  10. Die in der D- und C-Ausbildung seit einiger Zeit und inzwischen fast überall eingeräumte Möglichkeit, sich in Chorleitung und Orgel separat zu qualifizieren, hat sich bewährt. Vor allem können so den Gemeinden Chorleiter- und -leiterinnen zugeführt werden, die selber aus der Chorarbeit kommen und von daher eine positive Prädisposition für dieses Geschäft mitbringen. Gibt es außer dem nicht zukunftsträchtigen Argument „Besitzstandswahrung“ einen einzigen weiteren Grund, warum dieses Erfolgsmodell nicht auf den Bereich der (haupt)beruflichen Ausbildung übertragen werden soll?
Fazit: Die durch den sogenannten Bologna-Prozess jetzt geforderte Umgestaltung der Studiengänge sollte als Chance genutzt werden, die Kirchenmusik-Ausbildung so umzustrukturieren, dass neben der herkömmlichen Doppelqualifikation auch separate Chorleiter- und Organisten-Studiengänge die kirchliche Berufsqualifikation erzielen, bzw. dass Chorleiter – ohne Orgelspielkenntnisse! – aus Schulmusik- oder Hauptfach-Studiengängen an staatlichen Hochschulen mit einschlägigen „Modulen“ (z. B. die sogenannten kirchlichen Fächer wie Hymnologie, Liturgik, auch einschlägige Literaturkunde) eine Zusatzqualifikation für den kirchlichen Dienst erwerben können.

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