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Freitag, 20. Mai 2022

[Symbol des Gemeinsamen]

Musikzeitschriften im Portrait: Musik & Kirche

Symbol des Gemeinsamen

Der Chor im antiken Drama und seine Bedeutung für die Vokalbesetzung bei Bach

von Georg Christoph Biller, aus: Musik & Kirche 4/2006

(ungefähr 4 Seiten)

Die Diskussion um die Besetzung von Bachs Chören hat sich ein wenig beruhigt, doch als abgeschlossen darf man sie trotz der deutlichen Forschungsergebnisse von Joshua Rifkin und Andrew Parrott nicht betrachten. Georg Christoph Biller, Thomaskantor an Bachs Wirkungsstätte, bringt einen neuen Aspekt ins Spiel. Er setzt die bachschen Chöre in Beziehung zum Chor der antiken griechischen Tragödie und plädiert als Schlussfolgerung für größere Chöre.

Die Größe der Chorbesetzung bei den Aufführungen der Vokalwerke Johann Sebastian Bachs wird seit einiger Zeit kontrovers diskutiert. Als Reaktion auf die übergroßen Chöre, mit denen seine Werke von Oratorienvereinen und Kantoreien im Zuge eines von der Romantik bestimmten Interpretationsstils gesungen wurden, ist die Entwicklung zu immer kleiner werdenden Chor- und Orchesterbesetzungen zu beobachten. Es gibt sogar vehemente Vertreter der Hypothese, dass es Bach um solistische Darstellung der Chorpartien gegangen sein muss, da es von den bis heute erhaltenen Originalstimmen eines jeden Vokalwerkes nur jeweils eine pro Stimmgattung gibt.

Es ist hier nicht mein Anliegen, angesichts der aufführungspraktischen Verhältnisse bei Bach die Unhaltbarkeit dieser Hypothese zu unterstreichen. Vielmehr soll es hier um den tieferen Sinn gehen, der in dem Wesen des Begriffes „Chor“ liegt.

Zentrum des Dramas: Der antike Chor

Dieser Begriff übt von alters her eine große Faszination aus, deshalb begegnet er uns in den verschiedensten Zusammenhängen: etwa bei dem Wort „chorisch“, für die Mehrfachbesetzung einer Stimme im Orchester; Choral, als Gemeindegesang; Choreographie, als festgelegter Bewegungsablauf auf der Theaterbühne; oder „Hoher Chor“, als Altarraum einer gotischen Kirche u.a.m. Diese vielfältigen Erscheinungsformen gleichen sich in einem entscheidenden Punkt, nämlich, dass es sich jeweils um Gemeinsamkeit handelt, aus der eine Kraft erwächst.

Der Ursprung des Wortes „Chor“ entstammt dem Griechischen „ó“, was zunächst Tanz, Gruppe von Tanzenden, Tanzplatz bedeutete. Es ist also gar nicht das akustisch musikalische Phänomen, was den Begriff ausmachte, sondern das ausdrucksvolle Gestalten von Gemeinsamkeit. So ist es auch besser zu verstehen, warum Luther in den Psalmen 149 und 150 das lateinische Wort „chorus“ mit „Reigen“ übersetzte. Wir ahnen, dass diese Psalmen ganzheitlich gestaltete Lobgesänge waren, wo sich gemeinsames Singen und Tanzen gegenseitig ergänzten.

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