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Dienstag, 17. Mai 2022

[Kitschüberflutung]

Musikzeitschriften im Portrait: Musik & Kirche

Kitschüberflutung

Ein Fast-Eklat beim Europäischen Musikfest

von Thomas Bopp, aus: Musik & Kirche 6/2005
Das diesjährige Europäische Musikfest in Stuttgart stand unter dem Motto „Bach im 21. Jahrhundert“. Es erlebte einige Uraufführungen, für die zum Teil Kompositionsaufträge vergeben worden waren. Gleich im Eröffnungskonzert in der Leonhardskirche war es Sven-David Sandströms Magnificat, das zusammen mit der Aufführung zweier Bach-Kantaten aus der Taufe gehoben wurde. Unter der Leitung von Stefan Parkman bewiesen der Akademische Kammerchor Uppsala das Drottningholm Barock-Ensemble und die Vokalsolisten (herausragend die Sopranistin Karin Roman), dass sie Sandströms musikalischem Stil mit seinen vielfarbigen historischen Adaptionen von barocker Prägung bis zu romantisch verklärter Klanglichkeit, seiner rhythmischen Vielfalt, seinem emotionalen Ausdruck wie auch den repetitiven Versatzstücken voll gewachsen waren.

Drei Kompositionsaufträge hatte die Bachakademie für ein Konzert des Vokalensembles „Singer Pur“ vergeben. In direkter Konfrontation mit bachschen Choralsätzen erlebte so in der Stiftskirche neben neuen Kompositionen von Jens Joneleit und Raitis Grigalis auch Hans Schanderls Einmal wandelt Läuten durch mich hin auf einen Text von Gertrud Kolmar seine Uraufführung. Dabei spiegelten alle drei Werke, die „Singer Pur“ mit hoher Intensität des Ausdrucks und mit technischer Sorgfalt sang, eine hoch interessante Mixtur des Alten im Neuen: Da fügten sich etwa bei Schanderl melodische Bögen und Kantilenen geradewegs wie Figurationen in einem harmonisch bezogenen Geflecht. Hoch ästhetisch erschien auch, mit welch melodiös liedhaftem Gehalt Grigalis an das Brentano-Gedicht „Es sang vor langen Jahren“ herangegangen war. Mit seinen gebrochenen Passagen und den abgetrennten Silben- und Wortgruppen ging Jens Joneleit in seiner Vertonung des „Nachtlieds“ von Georg Trakl musikalisch ein wenig weiter als seine Kollegen.

Für das Europäische Musikfest hatte der französische Komponist Thierry Escaich sein bereits 1999/2000 entstandenes Oratorium Le dernier Evangile neu eingerichtet. Ursprünglich für zwei Chöre und Orchester konzipiert, erklang jetzt seine sich in fünf Hymnen gliedernde Komposition auf einen Text Nathalie Naberts, die sich einer Kompilation aus Texten aus dem Alten und Neuen Testament bedient, in einer Neufassung für zwei Chöre und zwei Orgeln. Die französische Dirigentin Catherine Simonpietri sorgte mit dem in der Pariser Region beheimateten Ensemble „Vocal Sequenza 9.3“, Mitgliedern der Gächinger Kantorei und Thierry Escaich und Vincent Dubois an den beiden Orgeln der Stiftskirche für eine straffe und präzise Umsetzung der Partitur. Der sich eng ineinander verzahnende und stets im Fluss befindliche Orgelpart bestimmte das klangliche Geschehen maßgeblich. Die beiden Chöre führt Escaich bisweilen in die musikalische Konfrontation. Doch die klangliche Strukturierung bietet zu wenig Abwechslung und bei allem interpretatorischen Elan der Ausführenden hinterließ die Komposition einen merkwürdig eintönigen Eindruck.

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