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Freitag, 20. Mai 2022

[Papst Benedikt XVI. als Musiktheologe]

Musikzeitschriften im Portrait: Musik & Kirche

Papst Benedikt XVI. als Musiktheologe

von Peter Bubmann, aus: Musik und Kirche, 4/5/2005

Der neue Papst hat sich als Kardinal verschiedentlich und profiliert zur Kirchenmusik geäußert. Dabei folgt er einem trinitarisch-dogmatischen Denkansatz, der von johannäisch-altkirchlicher Logos-Theologie inspiriert zu sein scheint und gleichzeitig eine gewisse Nähe zu philosophisch-kosmosreligiösen Musikvorstellungen aufweist. Ratzinger geht vom Sinn des christlichen Gottesdienstes und vom christlichen Menschenbild aus: Im Gottesdienst wird die Fleischwerdung des Wortes Gottes gefeiert. Dieses Wort Gottes ist mehr als unsere menschliche Rede, mehr als Text. Es geht um die Mitteilung der lebendigen Wirklichkeit Gottes selbst, um die Gegenwart Gottes in seinem Heiligen Geist.

Musik im Dienst der Fleisch- und Geistwerdung

Die Verwandlung der Menschen durch den Geist Gottes, seine Vergeistigung bedarf – wie es Joseph Ratzinger sieht – der Musik. „Musikwerdung des Wortes ist einerseits Versinnlichung, Fleischwerdung, An-sich-Ziehen vorrationaler und überrationaler Kräfte, An-sich-Ziehen des verborgenen Klangs der Schöpfung, Aufdecken des Liedes, das auf dem Grund der Dinge ruht. Aber so ist dieses Musikwerden nun auch selbst schon die Wende in der Bewegung: Es ist nicht nur Fleischwerdung des Wortes, sondern zugleich Geistwerdung des Fleisches.“ Solche Vergeistigung sei nicht sinnenfeindlich zu verstehen. Es gehe vielmehr um eine „Integration von Sinnlichkeit“3, eine weit gespannte „Synthese von Geist, Intuition und sinnenhaftem Klang“. Ziel sei es, zur wahren Freiheit der von Gott Erlösten zu finden.

„Kirchenmusik entsteht als ,Charisma‘, als Geistesgabe: Sie ist die wahre ,Glossolalie’, die neue, vom Geist kommende ,Zunge‘.“ Entscheidend ist nun, dass nach Ratzinger diese Geistergriffenheit einerseits die menschliche Vernunft übersteigt, sie andererseits aber – in gut katholisch-naturgesetzlicher Tradition – nicht zerstört. Unter dem Wirken des Geistes ereigne sich „die ,nüchterne Trunkenheit‘ des Glaubens – Trunkenheit, weil alle Möglichkeiten der bloßen Rationalität überschritten werden, aber nüchtern bleibt dieser ,Rausch‘, weil Christus und der Geist zusammengehören, weil diese trunkene Sprache doch ganz in der Zucht des Logos bleibt, in einer neuen Rationalität, die über alle Worte hinaus dem einen Urwort dient, das der Grund aller Vernunft ist“. Letztlich habe Kirchenmusik einzustimmen in den Gesang des Alls und sich damit „an den ,Künstler‘, an Christus, an den Schöpfergeist“ anzunähern.

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