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Sonntag, 4. Dezember 2022

[Wir sind Helden]

Musikzeitschriften im Portrait: music manual

Wir sind Helden

Himmelsboten, Heilsbringer, Hoffnungsträger

Seite 3

Die Botschaft der Helden, die Kritik an der Konsumgesellschaft, die hat aber schon rein gar nichts Ironisches, neinnein, bierernst ist die gemeint. "Ich finde es schade", sagt Judith Holofernes, "dass Boykottaufrufe aus der Mode gekommen sind. Dabei ist Mutlosigkeit das größte Problem von allen. Die Leute bekommen eine derart komplexe Welt präsentiert, dass sie gar nicht mehr wissen, wo sie anfangen sollen. In unserer Gesellschaft wird als Vergnügen verkauft, was in Wirklichkeit Leid ist, du musst erfolgreich sein, dünn, schön und glücklich, du musst kochen können und 24 Stunden arbeiten, trotzdem Sex haben, geile Freunde haben und eine toll designte Wohnung. Davon muss man sich befreien, so gut es geht. Ich habe für mich mit einem erleichterten Stoßseufzer festgestellt, dass ich Einkaufen scheiße finde. Shopping gehört zu den frustrierendsten Tätigkeiten, es hinterlässt immer ein billiges Gefühl, und es macht nie glücklich. Ich besitze extrem wenig Kleider. Zurzeit werde ich dauernd ermahnt, ich könne nicht bei jedem Foto-Shooting wieder dieselben Klamotten anziehen. Ich besitze zwei Jeans, zwei Kleidchen, die ich abwechselnd anhabe und jede Menge T-Shirts." Einfachheit und vom Geld nicht versklaven lassen - da haben sich die "Helden" die Stange ganz schön hoch gelegt, nicht wahr?

Klar ist das mies: eine Gesellschaft, die sich ganz auf Konsumismus gründet - Freizeitknast für alle. Die Welt als Supermarkt, und man muss nicht einmal Houellebecq herbeizitieren, den Mode-Misanthropen des Litpop. Bereits in den Neunzigern hat die Poptheorie das Bild von der "Kontrollgesellschaft" an die Wand gemalt: War im fordistischen Zeitalter noch allein der Körper in den Kreislauf von Produktion und Konsumption eingespannt, so ist es jetzt die Seele, auf die zugegriffen wird. Es gibt kein Jenseits mehr in dieser Vision des totalen Pop, selbst der Rausch ist nur noch eine Funktion der Leistung. Wo Arbeit sich in Freizeit aufgelöst hat, Herstellen in Verbrauchen, Alter in Jugend und jeweils umgekehrt, wo Traditionen, die noch vor wenigen Jahren zwingend waren, ausgedient haben und nichts mehr zählt als die individuelle Entscheidung, wie man sich morgen komponieren möchte, entsteht auch eine neue Freiheit. Es mag eine Freiheit der gefallenen Würfel sein, die das ganze Risiko für den gewählten Lebensentwurf dem Einzelnen aufbürdet, doch anderes wird nicht geboten. Arbeit am Selbst, und zwar lebenslänglich - das ist der kategorische Imperativ des Pop.

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