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Donnerstag, 23. November 2017

[Nikolai Lugansky]

Musikzeitschriften im Portrait: classix

Nikolai Lugansky

„Musik ist nicht planbar“

von Christoph Forsthoff, aus: classix #8

(ungefähr 4 Seiten)

"Prokofjew ist ein Symbol des Lichts, des Rhythmus' und des Lebens", sagt Nikolai Lugansky zu seiner neuen CD mit Klavierwerken des russischen Komponisten. Auf dem Cover aber tobt der Wahnsinn der Zerstörung: vorpreschende Soldaten, Bomber im Tiefflug, Flammen bis zum blutroten Himmel. Ein schreckliches Bild, das gar nicht zum Programm - "Romeo und Julia" - passen mag. Ein Widerspruch?

classix: "Krieg und Frieden": Lautet so das Konzept Ihrer neuen CD?
Nikolai Lugansky: Warum man sich für dieses Cover entschieden hat, wundert mich auch. Aber von "Krieg und Frieden" würde ich nicht sprechen. Wenn überhaupt geht es bei Prokofjew um die Industrialisierung als ein schrecklicher Angriff auf die Menschen samt Vernichtung der Natur, die Urbanisation als eine Tod und Unglück bringende Entwicklung. Im 4. Satz der 6. Sonate klingt auch Kritik am Totalitarismus an - für mich nach heutiger Lesart eine Kritik an der Globalisierung.
classix: Bisher sah man auf den Covern Ihr Gesicht in Nahaufnahme. Mochten Sie sich nicht mehr sehen?
Nikolai Lugansky: Die Fotos von mir waren noch schlimmer als dieses Schlachtgetümmel ... (lacht) Nein, das waren ganz gute Bilder. Aber letztlich messe ich dem nicht soviel Bedeutung bei. Viel wichtiger ist doch, wie die CD klingt! Die Verpackung interessiert Musikagenten und Journalisten - meine Welt ist die Musik.
classix: Das heutige Russland hat nur noch wenig mit der Sowjetunion Ihrer Kindheit gemein. Eine positive Entwicklung, die sich seit Gorbatschow vollzogen hat?
Nikolai Lugansky: Es ist ein historischer Prozess, zu dem es keine Alternative gibt. Die größte Veränderung hat in psychologischer Hinsicht stattgefunden: Früher war die Mentalität der Menschen geprägt vom Geben. Man gab sich Mühe, setzte sein Talent für andere ein und arbeitete füreinander. Heute versucht jeder, möglichst viel - vor allem Geld - zu bekommen. Leben heißt nehmen. Was übrigens auch im Konzert zu spüren ist: Früher bemühte sich das Publikum Musik zu erarbeiten, heute will man sich amüsieren.
classix: Ihre Lehrerin Tatjana Nikolajewa hat Ihnen zweifellos viel gegeben. Haben Sie noch andere Vorbilder?
Nikolai Lugansky: Swjatoslaw Richter habe ich viermal gesehen, das war schon ein großes Erlebnis. Doch mein Idol ist immer Sergej Rachmaninow gewesen. Und zwar deshalb, weil es sehr selten vorkommt, dass ein genialer, für mich der wichtigste russische Komponist, auch im täglichen Leben ein Vorbild bietet. Er war ein bisschen wie Albert Schweitzer, stets sehr bescheiden. Er hat, oft anonym, vielen Menschen geholfen - und das nicht allein nur mit Geld.
classix: Im Westen ist häufig die Rede von der "russischen Seele". Gibt es eine solche?
Nikolai Lugansky: Ich kannte sie bislang nicht und in Russland spricht man auch nicht von einer "russischen Seele". Aber wenn im Westen darüber geschrieben wird, gibt es sie vielleicht ja doch. Gut möglich, dass jemand im Exil wie Rachmaninow das auch gespürt hat.
classix: Bisher haben Sie fast ausschließlich Aufnahmen osteuropäischer Komponisten vorgelegt. Wo bleiben da Brahms, Mozart und all die anderen?
Nikolai Lugansky: Das sollten Sie eher die Plattenfirma fragen ... Ich spiele sehr gern Brahms und Mozart, für die Interpretation romantischer Musik aus Deutschland hatte ich in der Zentralen Musikschule in Moskau sogar einen ziemlich guten Ruf. Zu meinen Lieblingskomponisten gehören Bruckner und Sibelius, auch wenn es von ihnen leider kaum Klavierwerke gibt.

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