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Montag, 29. November 2021

[George Antheil - Ballet Mécanique (Teil 1)]

Musikzeitschriften im Portrait: Das Mechanische Musikinstrument

George Antheil - Ballet Mécanique (Teil 1)

Ballet pour Instruments Mécaniques et Percussion

von Jürgen Hocker, aus: Das Mechanische Musikinstrument

Seite 3

Antheil kannte schon vor seinem Paris-Aufenthalt (1923) - entgegen allen bisherigen Annahmen - das Pianola. Vor einigen Jahren entdeckte ein Pianist auf einem Trödelmarkt in den USA einen Lochstreifen mit einer Komposition Antheils - Mécanique No. 1 - die in keinem Werkverzeichnis aufgeführt ist und die dem Genre der Maschinenmusik zugerechnet werden kann: Maschinenhaft stampfende Akkorde werden überlagert von einem immer schneller ablaufenden Räderwerk. Mit hoher Wahrscheinlichkeit handelt es sich um ein Fragment. Die Datierung (1920) lässt vermuten, dass es sich um Antheils erste Komposition für Selbstspielklavier handelt. Das musikalische Material wurde später im zweiten Satz "Snakes" seiner Klaviersonate Sonata Sauvage (1922/23) verwendet.

Als Antheil am 13. Juni 1923 mit seiner Frau Böski in Paris eintraf, wo das Paar mehrere Jahre bleiben sollte, besuchten sie abends ein Strawinsky-Konzert, in dem u.a. Les Noces aufgeführt wurde. In dieser Komposition hatte Strawinsky ursprünglich mehrere mechanische Musikinstrumente vorgesehen, darunter auch ein Pianola. Probleme bei der Synchronisation bewogen ihn jedoch, auf diese Instrumentierung zu verzichten. Antheil und seine Frau besuchten Strawinsky am nächsten Tag in den Räumen der Klavierfabrik Pleyel, die neben Klavieren auch Pianolas (Pleyela) herstellte, und die Strawinsky für mehrere Jahre ein Studio zur Verfügung stellte, in dem er seine Ballettmusiken für Pianola bearbeitete. Strawinsky spielte seinen Gästen die Pianola-Fassung von Les Noces vor, und Antheil war begeistert: "Mir gefiel diese Fassung sogar noch besser als die, die wir am Abend zuvor gehört hatten. Sie war präziser, kühler, härter, typischer für das, was ich um jene Zeit selber aus der Musik herausholen wollte."

Wahrscheinlich hatte Antheil mit der Komposition, die später das Ballet Mécanique werden sollte, bereits 1922 in Berlin begonnen, und zwar unter dem Titel Message to Mars. Die Verwendung von Pianolas dürfte jedoch entscheidend durch Strawinskys Vorführung angeregt worden sein. Bald darauf entstand die Idee, dieses Werk als Begleitmusik für einen abstrakten Film zu nutzen. Ezra Pound, mit dem Antheil eine enge Freundschaft verband, war von dieser Idee begeistert, und er konnte die amerikanischen Kameramänner Dudley Murphy und Man Ray sowie den Maler Fernand Léger für dieses Projekt interessieren. Die Aussagen darüber, wie dieser Film tatsächlich zustande kam, sind so widersprüchlich, dass die Entstehungsgeschichte nicht mehr nachvollziehbar ist. Auf jeden Fall entstand der erste surrealistisch-dadaistische Film, aber unüberwindbare Probleme bei der Synchronisierung von Film und Musik führten bald zu einem Ende der Zusammenarbeit und es entstanden zwei eigenständige Kunstwerke. Der Film wurde zuerst fertig und am 4. September 1924 bei der Internationalen Ausstellung für Theatertechnik in Wien uraufgeführt. In seiner Autobiographie schreibt Antheil: "Mein Ballet Mécanique hatte bereits eine Reihe halb privater Uraufführungen erlebt, einige bei Jacques Benoist-Méchin, andere mit dem Film von Léger und Murphy; letzteres blieb allerdings ein Versuch, da es uns nie gelang, den Film einigermaßen mit der Musik zu synchronisieren." Der erhaltene Film hat eine Spieldauer von 18 Minuten, die Musik dauert etwa 28 Minuten. Es gibt eine Theorie, nach der die ursprüngliche Form des Films Nacktszenen enthielt, die später einer Zensur zum Opfer gefallen sind. So wäre der gravierende Unterschied in der Dauer von Film und Musik erklärbar.

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