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Montag, 29. November 2021

[Von der Utopie des Metiers - Péter Eötvös: Dirigieren als Praxis der Veränderung]

Musikzeitschriften im Portrait: Neue Zeitschrift für Musik

Von der Utopie des Metiers - Péter Eötvös: Dirigieren als Praxis der Veränderung

von Max Nyffeler, aus: Neue Zeitschrift für Musik 01/2002

Seite 8

* Ist die Methode der unmittelbaren praktischen Erfahrung nur für dirigierende Komponisten oder auch für angehende Dirigenten geeignet?

Ich würde auch mit den Dirigierstudenten an einer Hochschule diesen Versuch wagen, ohne ihnen zu erklären, wie man dirigiert. Sie einfach hinstellen und sagen: Probier mal! Versuch dich zu verständigen! Nach meiner Erfahrung blockiert man die eigene Dirigiersprache, wenn man sich zu lange auf die Schlagtechnik konzentriert. Das war auch mein Schicksal. Etwa sechs Jahre lang dirigierte ich nicht, nachdem ich die Hochschule beendet hatte. So konnte ich die Schlagtechnik so gut wie ganz vergessen, und als ich neu begann, war das meine eigene Sprache. Das war die Rettung für mich.

* Technik bedeutet in dieser Hinsicht auch immer Formalisierung und Verallgemeinerung. Der Schlag wird vereinheitlicht.

So etwas finde ich absolut falsch. Dirigieren ist eine persönliche Frage, auch die Gestik. Wenn ein Lehrer seinen Schüler zu sehr anweist, wie "man" schlägt, dann prägt er ihm seine eigene Persönlichkeit auf, anstatt aus ihm herauszuholen, was er als körperspezifische Gestik in sich hat. Ein dünner Mensch dirigiert ganz anders als ein dicker. Ein dicker muss nur die Finger bewegen, und schon funktioniert es.

* Die Frage des persönlichen Dirigierstils hat in der traditionellen Musik ein starkes Gewicht. Gibt es unter den großen Dirigenten der Vergangenheit - Furtwängler, Karajan, Toscanini etc. - einige, die Sie besonders fasziniert oder sogar beeinflusst haben?

Ich kann sehr gegensätzliche oder sogar widersprüchliche Beispiele geben. Grundsätzlich finde ich, jeder Dirigent sollte so viel Neugierde aufbringen, dass er von einem anderen Dirigenten abguckt, was dieser macht, um es sofort auszuprobieren. Ähnlich wie ein Schauspieler, der einen bestimmten Tonfall, eine ganz bestimmte Gestik ausprobiert und nachspricht. Er merkt dann sehr schnell: Das bin ich oder das bin ich nicht. Wenn es nicht zu ihm passt, sagt er sich: Der macht das wunderbar, aber das ist nicht meine Sache. Aber wenn es zu ihm passt, dann übernimmt er es natürlich.

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