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Freitag, 21. Januar 2022

[Von der Utopie des Metiers - Péter Eötvös: Dirigieren als Praxis der Veränderung]

Musikzeitschriften im Portrait: Neue Zeitschrift für Musik

Von der Utopie des Metiers - Péter Eötvös: Dirigieren als Praxis der Veränderung

von Max Nyffeler, aus: Neue Zeitschrift für Musik 01/2002

Seite 2

Der Quereinsteiger
Eötvös' Veränderungswille hat gewiss auch mit seinem untypischen Werdegang zu tun. Er kam als eine Art Quereinsteiger von der Aufführungspraxis neuer Musik her und stieg innerhalb eines Jahrzehnts zu einem international gefragten Ensemble-, Opern- und Orchesterdirigenten auf. Letztlich sind die Wurzeln seines offenen Denkens aber in seiner ungarischen Kindheit und Jugend zu finden. Sein Hunger nach der verbotenen neuen Musik westlicher Prägung war groß - der Fünfzehnjährige lernte die Partituren von Webern noch als Underground-Literatur kennen -, ebenso sein Wunsch nach einem Überschreiten der engen Grenzen, die dem geistigen Leben in Ungarn bis Ende der fünfziger Jahre gesetzt waren.

Geboren 1944 in Transsylvanien, kam Péter Eötvös bereits mit vierzehn an die Budapester Musikakademie und 1966 mit einem Stipendium zum Dirigierstudium nach Köln. Er arbeitete acht Jahre lang im Ensemble von Karlheinz Stockhausen mit, war Mitglied des Kölner Feedback-Verlags, des ersten Autorenverlags für Komponisten in Deutschland, und arbeitete von 1971-79 am Studio für Elektronische Musik des WDR Köln. 1978 kam dann der Durchbruch: Auf Einladung von Pierre Boulez dirigierte er das Konzert zur Eröffnung des IRCAM Paris und wurde in der Folge zum musikalischen Leiter des Ensemble InterContemporain berufen. 1980 dirigierte er in London sein erstes Konzert bei den Proms; bis heute ist er dort ein gern gesehener Gast. 1985-88 war er Erster Gastdirigent des BBC Symphony Orchestra; ähnliche Funktionen übernahm er in den neunziger Jahren in Budapest. Seit 1994 ist er Chef des Radio-Kammerorchesters Hilversum.

Péter Eötvös hat sich bisher vor allem als Dirigent der neuen Musik in ihren unterschiedlichsten Erscheinungsformen einen Namen gemacht: von Boulez über Xenakis und Lachenmann bis zum Nachwuchskomponisten, dessen Werk in Donaueschingen aus der Taufe gehoben wird. Und nicht zu vergessen seine eigenen Werke, die inzwischen auf CD gut dokumentiert sind, darunter das klangmächtige "Atlantis", der atmosphärisch dichte "Psychokosmos", die frühe "Chinese Opera" und der große musiktheatralische Wurf der "Drei Schwestern" nach Tschechow. Sein Repertoire reicht jedoch zurück bis zu Liszt, Wagner und Mussorgsky. Um die großen Sinfoniker wie Bruckner und Mahler hat er bisher einen Bogen gemacht, auch wenn es wohl nur noch eine Frage der Zeit ist, bis er sich zumindest Mahlers annehmen wird. Ein weiterer Repertoireschwerpunkt ist die klassische Moderne mit Komponisten wie Bartók, Strawinsky und Schönberg.

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