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Samstag, 20. April 2019

[Wegweiser ins 21. Jahrhundert?]

Musikzeitschriften im Portrait: Musiktheorie

Wegweiser ins 21. Jahrhundert?

Ernst Kreneks Idee einer musikalischen Axiomatik als Vorschlag zur Güte

von Peter Rummenhöller, aus: Musiktheorie

Seite 2

Angesichts der Tatsache, daß sich die Avantgardebewegungen des 20. Jahrhunderts mit ihren linearen Geschichts- und Fortschrittsbegriffen spätestens seit Ende der 1960er Jahre erschöpft haben und heute einer Situation gewichen sind, in der an Stelle der vormals Alleingültigkeit beanspruchenden Struktur- und Materialgesetze jedem Komponisten alles zu jeder Zeit möglich zu sein scheint: Angesichts dieser Situation könnte Krenek wieder aktuell werden. Er war in seinem Komponieren und Musikdenken stets um materiale und stilistische Freiheit bemüht und erkannte als einer der ersten Komponisten in den Avantgardebewegungen den verzweifelten Versuch, die letztlich unaufhaltsame Tendenz zu einem pluralistischen Postmodernismus mit zwanghaften Fortschrittsbegriffen und dogmatischen Verengungen aufzuhalten. Sowohl mit Rücksicht auf seine eigenen jüngstvergangenen "Sprachwechsel" als auch hinsichtlich der allgemein musikgeschichtlichen Abfolge verschiedener Tonsysteme, Kompositionstechniken und -stile seit dem Zusammenbruch des tonalen Systems um 1910 entwickelte Krenek während der 1930er Jahre die Theorie einer von materialen und stilistischen Bindungen unabhängigen und überhistorisch gültigen Axiomatik der Musik. Im folgenden sollen einige Hinweise zu diesem axiomatischen Musikverständnis zeigen, wie Krenek zu seiner Theorie kam, was sie besagt, in welchem Verhältnis sie zu Kreneks kompositorischer Praxis steht, auf welche Rezeptionsschwierigkeiten Krenek dadurch nach 1950 stieß, welche immanenten Probleme diese Theorie aufweist, welche Gültigkeit sie beanspruchen kann und ob und wie sie sich eventuell gerade zu Beginn des 21. Jahrhunderts angesichts einer globalen "Polystilistik" als Kompositions- und Denkmodell empfehlen könnte.

Die Idee einer Musik jenseits von Material, Stil, Fort- und Rückschritt

Einen wichtigen Schlüssel zu Kreneks axiomatischer Musiktheorie liefert das Sprachverständnis von Karl Kraus, das Krenek Mitte der 1930er Jahre auf die Musik zu übertragen versuchte und von dem er behauptete, Kraus habe damit bereits eine musikalische Theorie antizipiert. Besonders wichtig schien ihm, daß Kraus "den rein stofflichen Sachgehalt des Sprachwerks genau abtrennte von seinem gedanklichen Inhalt, der allein maßgebend wurde für die aus dem Wortmaterial gewonnene Sprachgestalt".4 Nach Kreneks Auffassung hatte Kraus, als er lehrte, "daß der stoffliche Anlaß des Sprachwerks unerheblich sei in Bezug auf die in ihm konkretisierte sprachliche Gestalt"5, das Wesen der Musik erfaßt und damit Arnold Schönberg und ihm selbst erschlossen. In Analogie zu Kraus' Sprachlehre wurde für Schönberg wie für Krenek der "musikalische Gedanke" zum Ursprung und Wesen der Musik. Krenek grenzte den Gedanken sowohl von der Werkidee, also vom Gesamtentwurf eines Musikstücks, als auch vom Thema ab, in welchem sich zwar ein Gedanke realisiert, mit dem er aber nicht einfach identisch ist. Mit Schönberg ist sich Krenek darin einig, daß der musikalische Gedanke von der Formulierung, in der er erscheint, zwar unterschieden, aber nicht getrennt werden kann: "Der musikalische Gedanke ist das, was dargestellt werden soll, die Darstellung des Gedankens ist jedoch der Gedanke selbst. Der Gedanke existiert also nur in der Darstellung."6 Der Gedanke geht im "Wortlaut" beziehungsweise der motivisch-thematischen Gestalt nicht restlos auf. Gleichzeitig ist er von seiner klingenden Gestalt auch nicht ohne weiteres zu abstrahieren, da ein anders ausformulierter Gedanke auch eine gedanklich andere Akzentuierung erfährt.7

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