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Mittwoch, 24. Juli 2019

[Tanzmusik als gradueller Prozess oder: wie minimal ist minimal - Techno?]

Musikzeitschriften im Portrait: Neue Zeitschrift für Musik

Tanzmusik als gradueller Prozess oder: wie minimal ist minimal - Techno?

von Johannes Ullmaier, aus: Neue Zeitschrift für Musik 5/2000

Seite 2

3.

Weil wir es gern etwas genauer wissen wollten, konfrontierten wir DJ Pulse, Resident DJ im minimalzentrierten Frankfurter Technoclub "Das Schließfach" und Mitbetreiber des "Safe"-Labels, mit ein paar einschlägigen, im Folgenden kursiv gesetzten Passagen aus Reichs "Musik als gradueller Prozess". Wie DJ Pulse sie - übrigens während seines Sets und deshalb manchmal etwas fragmentarisch - kommentiert hat, dokumentiert die folgende, behutsam redigierte Transkription:
 
"Ich bin an wahrnehmbaren Prozessen interessiert. Ich möchte den Verlauf des Prozesses in der Musik von Anfang bis Ende hören können." Klar. An was für Prozessen soll man denn sonst interessiert sein? Obwohl ich zu "hören" noch "spüren" und auch "sehen" ergänzen würde. "Um intensives und detailliertes Zuhören zu erleichtern, sollte ein musikalischer Prozess extrem graduell verlaufen. [...] Mit "graduell" meine ich extrem graduell: einen Prozess, der sich ganz langsam und allmählich vollzieht; ihm zuzuhören ist, als ob man den Minutenzeiger einer Armbanduhr beobachtet - man kann erst sehen, wie er sich bewegt, wenn man eine Weile hingeschaut hat."
 
Ein gutes Bild, schon für die Rave-Erfahrung allgemein, wo man auch immer erst hineinfinden muss, in eine Art Parallelzeit, aber wieder: nicht nur mit den Ohren, sondern mit dem ganzen Körper, haptisch. Für Minimal Techno stimmt das dann nochmal in einem ganz präzisen Sinn, weil es da in der musikalischen Struktur selbst darum geht, das Wahrnehmungslevel so zu justieren, dass beliebig kleine Ursachen beliebig große Wirkungen zeitigen können - bis dahin, dass einem etwas, was akustisch ganz konstant ist, psychisch als Veränderung erscheint - nicht als Monotonie. Aber das geht eben nicht gleich, sondern ist Resultat eines Prozesses - den der DJ initiiert.
 
"Einen graduellen Prozess zu spielen oder zu verfolgen, ist ähnlich wie: eine Schaukel in Bewegung setzen und beobachten, wie sie allmählich zum Stillstand kommt ... eine Sanduhr umdrehen und zuschauen, wie der Sand langsam zu Boden rinnt ... seine Füße am Meer in den Sand stecken und zuschauen, hören und fühlen, wie die Wellen sie langsam eingraben." Die ersten beiden Metaphern finde ich etwas zu kontemplativ, zu undynamisch, verebbend - da zeigt sich vielleicht wirklich eine grundsätzliche Entfernung vom alten Minimal-Kontext. Die letzte Metapher ist besser, weil da das synästhetische Moment mit drin ist: die Nähe und Distanz der anderen Tänzer, die Blitze, der Nebel, der Beat - das alles ist ein einziger Prozess. Außerdem ist das Bild gut, weil da auch das Unwillkürliche mitschwingt: Es passiert einfach - das heißt: natürlich wird es aktiv hergestellt, de facto -, aber es erscheint wie etwas, das einfach passiert.
 
"Die Arbeit mit musikalischen Prozessen ermöglicht direkten Kontakt mit dem Unpersönlichen und zugleich eine Art von uneingeschränkter Kontrolle -"
 
Ich weiß nicht, inwieweit das wirklich analog ist, aber solche Verhältnisse sind im Techno schon charakteristisch: Je perfekter der DJ sein Handwerk beherrscht, um so eher wird er es schaffen, den Prozess in etwas quasi Objektives zu transformieren, zu einer Entität, die seine Individualität und die der Tänzer maximal entfaltet und doch - gerade dadurch - übersteigt. Und ähnliche Konstellationen hat man auch sonst: Man wird als DJ zum Autor, indem man Platten auflegt, deren Autor man im Regelfall gerade nicht ist. Oder auch beim Produzieren, wo der Fluchtpunkt individueller Kontrolle über alle Parameter letztendlich die Objektivität der Apparatur ist - aber das war in der alten Elektronik auch schon so. "Mich interessieren Kompositionsprozesse, die mit der klingenden Musik identisch sind. Ich kenne keine Strukturgeheimnisse, die man nicht hören kann."
 
Das ging wohl damals gegen irgendwelche Partitur-Versteckspiele und ausgedachte Komplexitätshubereien in der E-Musik. Heute ist das derart selbstverständlich, dass man ohne weiteres auch mal irgendwelche Zahlenmystik oder andere Hermetismen einbauen könnte, was auch manche machen. Ändern tut das überhaupt nichts.
 
"Selbst wenn alle Karten offen auf dem Tisch liegen und jeder hört, was sich in einem musikalischen Prozess nach und nach abspielt, gibt es immer noch genügend Geheimnisse aufzuspüren. Solche Geheimnisse sind die unpersönlichen und unbeabsichtigten psycho-akustischen Nebenerscheinungen des absichtsvoll konzipierten Prozesses: etwa Nebenmelodien, die man bei repetierten Melodiemodellen wahrnehmen kann, oder bestimmte Raumeffekte, die von der Platzierung des Hörers im Auditorium abhängen, oder geringfügige Unregelmäßigkeiten der Aufführung, oder Obertöne, Differenztöne usw."
 
Das ist natürlich das Entscheidende, zumal für Minimal Techno. DARUM geht es hier, vom Material her gesehen. Auch wenn das heute wohl noch weniger wirklich unbeabsichtigt ist als in der experimentellen Frühzeit. Denn mit vielen Effekten kann man, gleich ob es dafür schon Wörter gibt, inzwischen ziemlich planvoll umgehen. Insofern ist das auch nicht mehr völlig unpersönlich.
 
Trotzdem sind das wirklich minimal-typische Effekte: etwa dass der ganze Druck plötzlich vom Echo einer Bass-Drum kommt, das sich verselbstständigt; oder dass es sehr darauf ankommt, wo im Raum man ist, dass der Unterschied der Schallreflexe stärker ins Gewicht fallen kann als der verschiedener Tracks; oder dass Phantomtöne entstehen bzw. ganze Phantomsequenzen, die beim Programmieren so nie gemeint waren, dann aber auf einmal völlig evident sind, subjektiv oder für alle; oder die Effekte, die durch das Mixen entstehen können: dass sich bestimmte Elemente unvorhersehbar addieren oder subtrahieren, emergente Kombinationen bilden, insbesondere durch Equalizer-Modulation oder wenn man die gleiche Platte parallel laufen lässt; oder dass einem die Beats ein bisschen auseinander laufen und Interferenzen entstehen, die zwar oft wie ein Fehler wirken, aber auch ganz neue Patterns schaffen können.
 
Und das alles tritt natürlich um so stärker in den Vordergrund, je reduzierter das Ausgangsmaterial ist. Obwohl "reduziert" nicht unbedingt heißen muss, dass wirklich weniger Elemente und Impulse oder kaum Veränderungen da wären, sondern nur, dass im Gestus der Produktion nichts davon ablenkt, also dass der Fokus nicht etwa auf einer Melodie, einer bestimmten Akkordfolge o. ä. liegt. Rein vom Material her betrachtet sind gute Minimal-Tracks im Schnitt sogar komplexer strukturiert als die anderer Techno-Sparten. Aber weil die Wechsel ziemlich graduell und amalgamisch sind und weil der Klangcharakter abstraktiver, strenger ist, wirken sie doch reduzierter.
 
Aber das ist bei klassischer Minimal Music ja teilweise ähnlich. Stark verkürzt könnte man sagen: Normaler Techno kommt eher nach spätem Glass, minimaler eher nach frühem Reich. Deshalb wird Minimal Techno auch bei zunehmender Konsequenz immer massen-inkompatibler, avantgardistischer, wenn man so will; und auch wenn das jetzt übel elitär klingt, kann man so über den Daumen doch festhalten: Je minimaler das Bewusstsein, desto weniger Minimalismus toleriert es.
 
"ES ist jener Bereich, aller graduellen (uneingeschränkt kontrollierten) musikalischen Prozesse, wo man hören kann, wie sich klangliche Details von absichtsvoller Vorherbestimmung lösen und nach ihren eigenen akustischen Gesetzmäßigkeiten entfalten."
 
Genau! Dieses "Es" ist ganz zentral, auch wenn ich persönlich dagegen bin, das zu mystifizieren. Oder zu verwischen, dass man ja selbst derjenige ist, der unter größten Mühen alles dafür tut, das Environment zu schaffen und den Prozess in Gang zu bringen, wo "Es" entstehen kann. Sicher helfen da - wie schon bei klassischer Minimal-Rezeption - auch Drogen, aber sie konstituieren nicht die spezifische Rauscherfahrung, die im Unterschied zur meisten Rockmusik - hier wieder eine Minimal-Parallele - eher trancehaft als ekstatisch ist.
 
"Man kann einen musikalischen Prozess nicht improvisieren - die Konzeptionen schließen sich gegenseitig aus." Gab es nicht auch stark improvisierte Minimal Music? Riley? Naja. Für Techno ist das schwer zu sagen, weil im traditionellen Improvisationskonzept ja Unvorherbestimmtheit und individueller Ausdruck immer zusammengedacht sind, und das teilt sich beim DJing doch auf: Die Unvorherbestimmtheit ist insofern gegeben, als ich, wenn ich auflege, zwar vorher bestimmte Platten einpacke und die auch spielen will, auch Ideen und Erfahrungswerte von bestimmten Kombinationen und Abfolgen habe, aber überhaupt nicht im Voraus weiß und wissen kann, was ich dann wirklich spielen werde und wann.
 
Aber das ist, meine ich, nur graduell anders, als wenn z. B. Peter Brötzmann zu einem Gig fährt und seine Hupe einpackt: Dann ist zwar klar, dass er mächtig hupen wird, aber nicht, welche einzelnen Töne. Was dagegen die Individualität angeht, so ist sie im Techno zwar insoweit vorhanden, als man als DJ natürlich seine eigene Handschrift entwickelt, in der Selektion der Platten und in der Art, wie man sie einsetzt und sich dabei präsentiert; aber was den Vollzug selbst betrifft, wird man nicht wie im Free Jazz dafür geliebt, dass man eigene Individualität offensiv exponiert, sondern dafür, dass man sie mit der der Tänzer zum Oszillieren bringt, also zu einer Art Überindividualität rückkoppelt, die sich im besten Fall für die Dauer eines Raves stabilisiert. "Improvisieren" sagt da nicht mehr allzu viel, es sei denn ganz banal: Ein Fader geht kaputt und du musst dir schleunigst was ausdenken.
 
"Wenn man einen graduellen musikalischen Prozess spielt und zuhörend verfolgt, kann man an einer besonders befreienden und unpersönlichen Form des Rituals teilnehmen."
 
Das klingt ja, wie wenn es sich direkt auf Raves beziehen würde. Trotzdem hatte Reich da wohl eine etwas andere Art von Ritual vor Augen. Obwohl ich glaube, dass Techno und ganz speziell Minimal hier wirklich eine zeitgemäße Fortentwicklung, Aktualisierung darstellen. Zumindest negativ wird das schon daran deutlich, wie analog die Gleichzeitigkeit von temporärer Befreiung und Individualitätsaufgabe da in beiden Fällen von außen missverstanden oder einfach abgestritten wird.

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