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Montag, 24. Juni 2019

[Ist Moritz Hauptmann heute noch aktuell?]

Musikzeitschriften im Portrait: Musiktheorie

Ist Moritz Hauptmann heute noch aktuell?

von Peter Rummenhöller, aus: Musiktheorie 4/99

Seite 2

III

Die Studentenbewegung Mitte der sechziger Jahre, der der Verfasser in der Funktion einer Art älteren Bruders gelegentlich beratend zur Seite stand, war verliebt in die Begriffe "relevant" und "Relevanz", wobei wohl weniger die Wichtigkeit oder Erheblichkeit des damit etikettierten Sachverhalts als vielmehr dessen Brauch- und Nutzbarkeit für die jeweilige Interessenlage bezeichnet werden sollte. Fragen wir statt nach der Aktualität Hauptmanns nach seiner Relevanz für die Musiktheorie heute, so könnten sich durchaus interessante Antworten ergeben. Ist Hauptmann heute noch aktuell? Gewiß nicht. Wer kennt, selbst unter Fachleuten in der Musiktheorie, noch diese stille Gestalt im klassizistischen Leipzig der biedermeierlich-vormärzlichen Mendelssohn-Zeit, wer kennt seine Natur der Harmonik und der Metrik von 1853, seinerzeit in Theoretikerkreisen viel diskutiert, noch dem Namen nach, geschweige denn: wer hat sie auch gelesen? Wer kennt denn noch die liebenswürdigen Kompositionen Hauptmanns, für unsere Großelterngeneration noch bis über die Schwelle des 20. Jahrhunderts musikbürgerliches Repertoire? Versunken und vergessen.

Wer sich mit Hauptmanns Schriften genauer beschäftigt, den wird am meisten die - man würde heute wohl sagen - reaktionäre Einschätzung von Musik irritieren. Der noch vor Schubert Geborene (1793), Zeitgenosse Beethovens, der die Romantikergeneration der Mendelssohn, Schumann, Chopin weit überlebte (1868), ließ eigentlich in somma nur Bach, Haydn und Mozart gelten. Am späten Beethoven, vielleicht an Beethoven überhaupt, störte ihn mangelnde Klassizität3, an Schumanns frühen Werken das Fehlen "der rechten Mitte", an Wagner ein verfehlter Musikbegriff. 4 Hauptmann gehört im emphatischen Sinne zur Geschichte der Musiktheorie im 19. Jahrhundert, und dort ist er - ob man's bedauert oder nicht - auch begraben. Bleibt nur die Frage der Relevanz: Gibt es etwas, was uns an Hauptmann noch beeindruckt? Adorno hat die Deutschlehrer-Frage: Was kann uns der Dichter noch sagen, einmal umgedreht in dem Sinne: Was können wir dem Dichter noch sagen. Angesichts Hauptmanns sich selbst bescheidenden Formats mag das überzogen wirken, dennoch ist es einen Versuch wert, ihn auf seine Relevanz zu befragen.

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