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Sonntag, 24. März 2019

[Schlagen, streichen, bürsten, werfen...]

Musikzeitschriften im Portrait: Neue Zeitschrift für Musik

Schlagen, streichen, bürsten, werfen...

Mario Bertoncini, der Entdecker des Klavierinnenraums

von Reinhold Friedl, aus: Neue Zeitschrift für Musik 1/00

Seite 3

Ende der 60er Jahre patentierte Bertoncini zudem das "Bertoncini-Rad", eine durch einen kleinen Elektromotor angetriebene Gummischeibe, mit Hilfe derer stehende Obertöne auf den Basssaiten des Flügels erzeugt werden, die geradezu unglaubliche Lautstärke und Schärfe erreichen können. Er komponierte nur das Solo-Klavierstück "an american dream" für dieses Klangerzeugungsgerät, nahm aber bereits die installativen Aspekte auf, als er mehrere dieser Rädchen für "scratch-a-matic" an einem Flügel festmontierte. Eine Installation mit mehreren dieser Flügel in einer Parklandschaft folgte unter dem ironischen Titel "Il Cimitèro degli Elefanti". Die verlängerte Klaviersaite mittels daran verknoteten, durch den Raum gespannten Draht hatte er bereits kurz nach "Cifre" realisiert. Bevor diese Vokabel noch in aller Munde war, hat Bertoncini damit bereits Klanginstallationen verwirklicht.

Da Bertoncini Professuren in Europa (u. a. Hochschule der Künste Berlin) und Amerika (McGill University Montreal) innehatte, wurden seine Ideen und Techniken vielerseits aufgenommen. Horatiu Radulescu radikalisierte die Idee des gestrichenen Klaviers in seinen "sound icons": hochkant stehenden Flügeln, die, obertönig gestimmt, von mehreren Spielern gestrichen werden. "Clepsydra" (1982) ist das reinste Stück dieser Art, in dem eine stehende Klangwolke, die die Spieler an drei Flügeln erzeugen, sich allmählich verdünnt und schließlich in einem anderen Klangspektrum wieder aufleuchtet. Die Strichweisen der um die Saiten gelegten Bogenhaare oder kolophonierten Angelschnüre sind differenziert nach Strichweisen und Anregungsarten.

In Polen entstanden einige Inside-Piano-Werke im Umfeld des Warschauer Herbstes: Witold Szaloneks "mutanza" (1972) für Klavier solo brachte erstmals springende Metallkugeln auf die Saiten und lässt das Quietschen kolophonierter Fingerkuppen auf dem Resonanzboden des Instruments mit rhythmischem Bürsten der Bass-Saiten dialogisieren; Zygmunt Krauses "Stone Music" (1973), in der die in "Cifre" angelegte Idee, abgerundete Gegenstände auf den Saiten des Mittelsregisters wippen zu lassen, mithilfe von Steinen ausgeführt wird, erzeugt faszinierend zirpende Klangfelder, der Flügel scheint schließlich - sind die abgerundeten Steine einmal ins Wippen geraten - ganz von alleine zu spielen.

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